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Ansichten vom Hören
Ueber verschiedene Hörerlebnisse und Hörerfahrungen

Von Barbara Schmugge
Die Musik ... kann nicht als eine unter den Künsten gelten; sie ist die Summe aller Künste. Keine Kunst kann erfolgreich sein, wenn sie keine Musik hat; die Musik behütet sie alle und schenkt ihnen das Dasein. Sie selbst ist nur eine Ansammlung von Noten, ein plattes Kalkül, wenn sie keine Musik hat. Die Poesie geht zu Fuss oder schlimmer: auf Knien, ohne die Musik. Die Architektur ist nur ein Steinhaufen, die Statue nur Material, die Prosa blosser Lärm; und die Redekunst fällt zurück in Unsinn und Langeweile, wenn ihr der Rhythmus und das Auf und Ab der Betonungen fehlen
(Michel Serre: Die fünf Sinne, 1993).
Wie hören wir?
Eine Antwort auf diese Frage scheint einfach, ja banal. Man könnte sich darauf berufen, das Wort hören besage bereits alles, 'dahinter' gebe es nichts zu erläutern. Hören sei einfach Hören. Was Hören sei, könne man nicht in andere Worte fassen.

Für diese Auffassung spricht einiges. Erleben ist schwer mit Worten nachzubilden. Und dennoch: Kann man zum Hören an sich wirklich nicht viel sagen? Oft wird in diesem Zusammenhang die Figur bemüht, es sei ein Ding der Unmöglichkeit, einem Taubgeborenen die Schönheit von Klängen nahebringen zu wollen oder einer Blindgeborenen von Farbenpracht zu reden. Ich bin indes alles andere als sicher, ob das wirklich so unmöglich ist. Das Nahebringen von Wahrnehmungserlebnissen, die nicht wahrgenommen werden können, ist vorstellbar als ein mögliches Begebnis, als ein Ergebnis von gelingender Beziehung. In jedem Falle kann über das Berührtfühlen durch einen Klang, eine visuelle Konfiguration ausgetauscht werden, und wenn das Wahrnehmen als solches, das Sehen mit den Augen, das Hören mit den Ohren nicht geteilt werden kann, so können doch Bilder und Analogien aus anderssinnigem Erleben auch vieles über die Sinneswahrnehmungen als solche vermitteln.

Mein Anliegen im folgenden ist, in Worte zu fassen, wie gehört werden kann. Es geht dabei nicht um umfassende Antworten auf die Frage nach dem Wesen des Hörens, vielmehr sollen Facetten, Aspekte dessen, was geschieht, wenn wir ein Erlebnis mit Hören bezeichnen, skizziert werden.

Es gibt viele verschiedene Arten oder Aspekte (Anschauungen also) des Hörens. Es geht um einen Versuch, verschiedene Erlebnisweisen des Hörens zu beschreiben, wobei wir streng auf der phänomenologischen Ebene (verstanden als schlichte Beschreibung dessen, wie es erlebt wird, wie es sich anfühlt) verbleiben. Beginnen will ich mit den körperlich spürbaren Vibrationen.

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Das rein vibratorische Körperhören: Wir können es beispielsweise in einer Aufführung eines Sprechchores als Schwingungen spüren, die am ganzen Körper anbranden, für die das Organ Ohr nicht die feinfühligste, gewissermassen am besten bereitete Empfangsstelle ist, und die von der Stimmung des sprechchorisch Mitgeteilten vieles zu transportieren vermögen. Eine andere Möglichkeit des Hörens von Vibrationen im Körper stellt sich ein, wenn die Glocken einer grösseren Kirche übers Land hin läuten und man sie noch nicht mit den Ohren hören kann, sondern zunächst im Körper vibrieren fühlt.

Beim vibratorischen Körperhören scheint es, als kämen an unserem Körper zahlreiche Schwingungen an, die für unsere Ohren nicht wahrnehmbar sind *. Verweigern wir den Schwingungen unsere Aufmerksamkeit und hören ihnen nicht zu, machen sie uns unruhig und rastlos nach Bewegung verlangend. Die Schwingungen fordern eine Reaktion von uns. Wenn wir ihnen zuhören und uns etwas zu ihnen einfallen lassen können, empfangen wir intensive und bedeutsame Eindrücke von dem, was läuft. Im oben genannten Beispiel der in unseren Körpern vibrierenden Schwingungen eines Sprechchores können wir dann Inhaltliches auf einer anderen Ebene als der textlichen wahrnehmen.

In den vibrierenden Körperschwingungen zeigt sich uns deutlich, was Hören eigentlich ist: durch etwas von aussen Kommendes innen berührt, bewegt werden. Oder etwas schlichter formuliert: Hören ist gespürte, von aussen in mich hineinfallende Bewegung. Von aussen kommende Bewegung kann der Mensch durchs Hören im Prinzip mit allen Körperabschnitten wahrnehmen; es braucht allerdings eine gewisse Einübungszeit, um mit der Dominanz oder Präokkupierung der Ohren für Hörbares kreativ umgehen zu können. Wenn wir realisieren, dass wir nicht nur mit den Ohren hören, lernen wir, die an anderen Körperstellen ankommenden, anklopfenden Hörereignisse auf- und wahrzunehmen und in ihren Eigenheiten zu schätzen.

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Betrachten wir nach den im Körper spürbaren Vibrationen eine weitere Art des Hörens. Einfache Klänge, von mehreren Leuten mit ihren Stimmen zum Tönen gebracht - im Kreis stehend, pro Atemzug einen gleichbleibenden Ton von sich gebend - wirken wie ein angenehm warmer Tonregen. Solcherart produzierte Klänge nehmen wir buchstäblich von Kopf bis Fuss wahr. Es schwingt in unserem ganzen Körper, und dabei hören wir gleichzeitig auch mit den Ohren. Man kann dann nicht unterscheiden, was von den Vibrationen, die man von Kopf bis Fuss spürt, aus dem eigenen Inneren kommt, also der selber erzeugte Ton ist, und was von den Vibrationen von den Tönen der anderen stammt. Der Gesamtklang einer so tönenden Gruppe hat bisweilen den Zauber einer wunderschönen Gestalt, die man gerne festhalten würde, die aber doch beim nächsten Atemzug schon zerflossen ist und sich zu einem neuen Gebilde formt. Stehen Leute im Kreis nahe beieinander und tönen zusammen, dann entstehen die dichtesten Schwingungen, Vibrationen in der Luft. Man meint sie fast greifen zu können.

Auf diese Art gelingt es besonders gut, das Hören mit den Ohren neben dem Spüren von Vibrationen wahrzunehmen, beides ist intensiv, keines dominant. Die einzelnen 'Komponenten' (das für die Ohren Hörbare und die gespürten Vibrationen) sind durchaus eigenständig, sie sind deutlich erkennbar. Es handelt sich nicht um eine Melange, in der von den einzelnen 'Zutaten' keine Spur mehr zu finden ist, wie das der Fall ist bei der Art von Hören, der wir uns jetzt zuwenden wollen.

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Die Art des Hörens, die wir jetzt betrachten wollen, erleben wir intensiv und gewissermassen im ganzen Kopf. Es ist auch diese Hörart eine Zwischenart zwischen dem Spüren von Vibrationen und dem Hören mit den Ohren, dabei aber eine unentwirrbare Mischung aus beidem. Wenn wir etwas hören und die Klangquelle sehr nah am Ohr ist, ist es Wahrnehmung von Wellen als Schall und als Vibration. Hinzu kommt ein ganz ausgeprägtes Raumerlebnis, als sei unser Kopf eine Halle; es hallt uns im Kopf. Versuchen Sie es einmal mit folgendem Experiment, und Sie werden verstehen, was ich mit diesem untrennbaren Hör-Spür-Gemisch meine: Lassen Sie eine andere Person nahe bei ihrem Kopf einen Text mit geschlossenem Mund psalmodieren. Sie werden eine starke Resonanz in Ihrem Kopf spüren, ohne dass Sie eine Silbe mittönen.

Eine andere Gelegenheit, bei der wir dieses unentwirrbare Gemisch aus Im-Kopf- und Am-Ohr-Hören erleben können, ist mit der Tambura. Dieses Instrument kann man auf besondere Art mit den Ohren hören, wenn man ein Ohr an seinen 'Bauch', den Kürbishohlkörper, legt. Mit dem Ohr am Bauch der Tambura hören wir die mit ihr erzeugte Musik und gleichzeitig auch die Töne, die sonst noch im Raum vorhanden sind. Auch in diesem Fall haben wir wieder dieses eigentümliche Raumerlebnis; die verschiedenen Klänge, diejenigen der Tambura und die übrigen im Raum verteilten, werden seltsam verstärkt im Bauch der Tambura. Der Bauch der Tambura bildet gewissermassen einen Erweiterungsbau der 'Kopf-Halle', der wir oben bereits begegnet sind.

Ein ähnliches Raumerlebnis im eigenen Körper haben wir beim Hören, wenn wir mit geschlossenem Mund sprechen oder psalmodieren und dem Klang möglichst freien Lauf in unserem Körper lassen. So frei wie möglich nehmen wir wahr, an welchen Orten des Körpers die Vibrationen fliessen und spürbar sind und an welchen nicht. Je vollständiger man seine Körperräume mit den bei geschlossenem Mund erzeugten Klängen ausfüllen kann, desto angenehmer, wohltuender, 'schöner' klingt der hörbare Ton.

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Eine weitere Spielart des Hörens ist das Hören in den Knochen. Wir können es erleben, wenn uns jemand am Kopf berührt, oder wenn wir vor einem ausreichend grossen, klangvollen Gong sitzen (ohne selber Töne zum Gong zu produzieren). Dann fühlen wir beim Zuhören, ohne dass wir unseren Körper mit der Hand berühren, dass ein Knochen oder mehrere Knochen von innen her vibrieren; es wirkt ausgesprochen rohrhaft; mit einem etwas hinkenden Vergleich umschrieben: als habe man einen Draht durch den Knochen gesteckt und an schwachen Strom angeschlossen. Die Empfindung bei diesem Singen in den Knochen ist ausgesprochen angenehm und entspannend.

Wenn auf einem charaktervollen grösseren Gong gespielt wird, spüren wir in intensiven Momenten die vibrierenden oder 'singenden' Knochen aktiv, das heisst, ohne den Körper mit der Hand an entsprechenden Stellen zu berühren. Natürlich spüren wir vor einem tönenden Gong die Knochen auch dann vibrieren, wenn wir eine Hand an der entsprechenden Stelle auf den Körper legen. Wenn wir dem Gong zuhören, müssen wir auf das Knochensingen allerdings speziell achten, denn das, was wir vom Gong mit den Ohren hören, sowie die Vibrationen in der Luft und im Fussboden sind in unserer Wahrnehmung prädominant.

Eine andere Art Knochen'singen' oder -vibrieren zu erleben, ist die folgende: Wir summen mit geschlossenem Mund, und zwar auf eine bestimmte Art, entspannt und konzentriert gleichzeitig. Dafür müssen wir uns tief und ausschliesslich in das Summen hineinbegeben; sind wir zu zerstreut, klappt es in der Regel nicht. Unmittelbar nach dem Beenden des Summens vibrieren die Knochen in unserem Körper, und zwar am stärksten diejenigen der Stirnregion: eine intensive Nachwirkung. Wenn wir dann den nächsten Ton summen, bevor das Knochen'singen' vom vorhergehenden verklungen ist, ergibt sich im Körper ein merkwürdiges Zusammentönen von gesungenem Ton und vibrierenden Knochen.

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Am schwierigsten in Worte zu fassen scheint das Nur-mit-den-Ohren-Hören. Warum? Ist es hier, wo der anfangs erwähnte Einwand, das Wort hören sei mittels anderer Begriffe nicht zu erklären, am nachhaltigsten gilt? Wie sollen wir das Hören mit den Ohren umschreiben? Ich versuche, mich ihm am Beispiel des Musikhörens anzunähern, weil es mir so am einfachsten darstellbar erscheint.

Die zum Musikhören bereite Person 'ist' in einer bestimmten Art, hat eine gewisse innere Gestimmtheit, es 'geht ihr' auf eine bestimmte Art. In diese Person fällt nun Musik hinein. Wenn die Person unvermittelt körperlich-seelisch ins Mitschwingen gerät, hört sie die Musik auf berührende Art. Oder umgekehrt gesagt: Musikhören ist, wenn wir ausserhalb unserer selbst eine bestimmte Art von Schall wahrnehmen und uns durch ihn körperlich-seelisch in Schwingung versetzen lassen. Dieser Vorgang des Sich-in-Schwingung-bringen-Lassens bedeutet ein Glückserlebnis per se. Ich möchte meinen, es sei dieses In-Schwingung-Geraten, was einen grossen Teil des Zaubers ausmacht, der uns beim Musikhören unweigerlich umfängt.

Übrigens ist es nicht ausschliesslich mit musikalischen Klängen möglich, unvermittelt in Schwingung zu geraten: Alle, die bereits einmal durch ein in der Kurve aufs Kläglichste schluchzendes Tram oder durch überraschend auftauchende, beherzte Kirchenglocken innen gepackt wurden, werden mir beipflichten.

Was könnte das Kunstfertige am so verstandenen (Musik)Hören sein? Ich meine: Immer wieder in diese innere Balance zu kommen, aus der heraus diese Hörerlebnisse erst möglich sind. Diese innere Gestimmtheit hat mit angespanntem, konzentriertem Lauschen so wenig zu tun wie mit Schlaffheit oder tranceartiger Entspannung. Es handelt sich eher um eine lustvolle Offenheit auf dem Sprung, eine durchaus weltzugewandte, genussfähige und sich auf Genuss freuende Haltung. Um ein Bereithalten von innerer Tiefe, in die hinein die Musik fallen kann. Musik fällt uns zu, fällt in uns hinein.

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Das Hörgesamt-Erleben ist nun unser Hören schlechthin. Das heisst: Wir sagen 'ich höre' und bezeichnen damit ein Konglomerat, das sich zusammensetzt aus den oben isoliert beschriebenen, verschiedenen Hörarten. Es fällt schwer auseinanderzuhalten, was mit den Ohren gehört wird, was an Vibrationen gespürt wird, welchen Anteil am Gesamt das Hören in den Knochen bildet. Meistens interessiert uns das Auseinanderbuchstabieren der verschiedenen Hörarten im Hörgesamt-Erleben in der Alltagssituation, in der es zu hören gilt, nicht. Wozu auch. Es geht da in der Schnelle und von den Anforderungen her um anderes, um Verstehen und Begreifen von Information zum Beispiel.

Barbara Schmugge, Frohalpstr. 55, CH - 8038 Zürich

Dieser Artikel wurde mir mit freundlicher Genehmigung der Autorin zur Veröffentlichung auf dieser Webseite frei gegeben.

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