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MIT MEINEM FÜHRHUND QUASCO IN AFRIKA
Von Wolfgang Fasser, Physiotherapeut Zeitschrift der Stiftung Schweizerische Schule für Blindenführhunde
Ausgabe 25; Mai 1989
Ein alter Wunsch ging in Erfüllung. Im November 1987 verabschiedete uns die Schulleiterin der Blindenführhundeschule Allschwil, Christine Rüedi, auf dem Flughafen Kloten. Quasco, meine Schwester und ich machten uns auf eine grosse Reise. Unser Ziel: Paray, ein kleines Spital in den Bergen Lesothos, fern im südlichen Afrika. Jahre zuvor lernte ich diesen Ort während einem dreimonatigen Besuch kennen. Dazumal regte sich in mir der Wunsch wiederzukommen, um für eine längere Zeit mitzuarbeiten. Reisen macht Quasco nichts aus. Er hat ja auch viele Verehrer im Flugzeug. Besonders die Kinder freuen sich über den pelzigen Passagier. Dank kompletter Aus- und Einreisepapiere wurden wir an den Grenzposten äusserst zuvorkommend behandelt - aussergewöhnlich und überraschend für die Beamten.

Lesotho ist ein kleines Königreich in den Malutibergen, ein Inselstaat inmitten der Republik von Südafrika. Das frühere Protektorat ist seit 1966 politisch unabhängig und wird zur Zeit von einer Militärdiktatur regiert. 1,5 Mio. Menschen, zugehörig zu dem Stamm der Basotho, leben in dem durchschnittlich höchstgelegenen Land der Welt. Es ist zwei Drittel so gross wie die Schweiz und ist intensiv bevölkert von 1600 m bis 2700 m über Meer. Das Gebirge ist karg, jedoch wird jeder Flecken, der bepflanzt werden kann, genutzt. Der grösste Teil der Bevölkerung beschäftigt sich mit Landwirtschaft. Mais, Hirse und Weizen werden angepflanzt. Pfirsich- und Äpfelbäume zieren die Gärten, in welchen das traditionelle Gemüse, Kabis und Spinat, wächst.

Thaba Tseka liegt auf der Höhe von Juf, dem höchstgelegenen Dorf in der Schweiz. Das Klima hier ist sehr geeignet für den schwarzen Quasco. Es wird nie heisser als 30ºC, die Sommernächte sind angenehm kühl und im Winter gibt es auch hie und da Schnee. Keine Moskitoplage, keine Tropensorgen.

Paray, so heisst unser Spital, ist ein kleines Dorf für sich selbst. Dieses neue Zuhause hat viel Kennenlernen und Erfahren von uns beiden gefordert. Meine Schwester Verena hat uns dabei während 4 Wochen aufmerksam und geduldig geholfen. Mein Häuschen, der Arbeitsweg, das Spital und die anderen Häuser im Areal erforderten wie üblich Mobilitätstraining. Die Wege in unmittelbarer Nähe hatte sich Quasco schnell gemerkt. Der tägliche Spaziergang entlang des Hausberges zum nahegelegenen Pass, der Gang zur Sesotho-Sprachstunde und der Weg zum nahegelegenen Dorf hat schon einiges mehr von uns abverlangt. Da begegnete uns viel Fremdes. Es gibt kaum Autoverkehr und die einzige Bergstrasse ist wenig definiert. Viele Fusspfade führen in allen Richtungen übers Feld. Hatte ich mir einen davon gemerkt, fiel mir schon wieder ein neuer auf. Da eine Kreuzung, dort eine andere. Drei, vier Weglein in dieselbe Richtung, aber nicht ans gleiche Ziel. Da gibt es schmale Stellen, steinige Tritte am Berg und vom Wasser ausgewaschene, schlammige Gräben. Quasco hat sich erstaunlich schnell auf die neue Situation eingestellt. Wo er früher in gewohnter Umgebung einem Stein auf dem Trottoir geschickt auswich, hat er hier schnell gemerkt, welche Höhe von Stufen und Steinen er mit mir übergehen kann und wann er anhalten muss. Er lehrte mich auch, wann ich hinter ihm gehen soll, an dem durch die Leine verlängerten Führgeschirr.

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4 Tagtäglich begegnen uns viele Tiere. Anfänglich war Quasco sehr erstaunt ob den vielen Schafen, Kühen und Pferden; und das alles auf unserer Strasse! Er bellte sie an und wollte sie wegtreiben, als ob es sein müsste wie zu Hause. Auch der Verführungen gab es viele. Grosse Knochen und wohlduftende „Rossbollen" lagen unmittelbar neben dem Fusspfad. Aufregend war's! Wie soll da ein Hund noch arbeiten können! Doch bereits nach 2 Monaten gehörte dies alles zum alltäglichen Bild, es war nicht mehr spannend, es war einfach ganz normal. So lernte er, ohne dass ich etwas dazu tat, den Tieren auszuweichen. Manchmal geht er an ihnen ganz nahe vorbei. Er weiss, wann er eine Kuhherde durchqueren kann, und wann es besser ist, den Weg zu verlassen und zu warten. Er schaut sich gemütlich die vorbeiziehenden Tiere an und folgt dann, sichtlich befriedigt, seiner Wegspur. Auf grossen und kleinen Wanderungen hat Quasco gelernt, Bäche zu durchqueren. Dabei hat er mir gezeigt, dass er an warmen Tagen zuerst baden will. Einige Male hatte ich nasse Schuhe und Hosen, bis ich dieses Lehrstück begriff. Schmutzige Pfoten liebt er nicht: so versucht er, schlammige Stellten stets im Trockenen zu umgehen. Gibt es jedoch keine Möglichkeit, marschiert er ohne zu zögern mitten hindurch.
Ich bin erstaunt, glücklich und dankbar zu erleben, wie intelligent ein Tier sein kann. Geschickt findet es dank seinem Instinkt, seinen Erfahrungen und Beobachtungen neue Lösungen, um so seiner Aufgabe treu zu bleiben. Und das nach 5 ½ Jahren Führarbeit im modernen Stadtverkehr. Prima hat er mich in der Stadt geführt - prima führt er mich hier in den Bergen von Lesotho. 4
4 Heute gehören wir beide zum alltäglichen Bild vom Paray-Spital und der Region Thaba-Tseka. Die Leute haben Quasco einen Sesothonamen gegeben: „Abuti Mothusi", dies bedeutet der Helfer. Die Basotho erweisen ihm den gleichen Respekt wie einem Knaben oder jungen Mann. Jedermann kennt Abuti Mothusi. Die Kinder rufen ihm zu und ahmen meine Kommandos nach. „Quasco piede"! Sie bitten mich, dass er ihnen zeigt, wie er absitzen oder abliegen kann. Gesagt getan, und schon wird er beschenkt mit ihrem befreienden und schönen Lachen.
Das Paray-Spital gehört der hiesigen katholischen Missionsstation. Ein armes Spital für die Armen. Das 80 Betten-Spital mit einem Ambulatorium ist für eine Gesundheitsregion mit 55'000 Menschen zuständig. 7 Aussenstationen helfen mit bei dieser grossen Arbeit. Die finanzielle Lage ist äusserst kritisch. Da die Regierung praktisch keine Unterstützung gewährt, ist das Spital auf ausländische Hilfe angewiesen. Die Schweizer Organisationen „Solidarmed" und „Verein der Freunde von Lesotho (PC Glarus 87-2737)" helfen dem Spital seit 12 Jahren zu bestehen und den gestellten Aufgaben gerecht zu werden. Nebst finanzieller Hilfe wurden Ärzte, Techniker und nun auch ich, als Physiotherapeut rekrutiert, für einen zwei- bis vierjährigen Einsatz hierher gesandt. Schon bei der Gründung des Spitals war eine Schweizer Ärztin, Bertha Hardegger, massgeblich beteiligt. Heute wird das Spital von einheimischen Nonnen und weltlichem Personal geführt. Obwohl in nächster Zeit keine Regierungsbeiträge zu erwarten sind - ein katholisches Spital in den Bergen ist nicht von Interesse - versuchen wir weiter zu arbeiten. 4
4 Quasco spielt gerne mit seinen Basotho-Hundefreunden. Schnelles Herumspringen gefällt ihm besonders gut. Seine Freunde geniessen keine so sorgfältige Erziehung wie sie meinem Quasco zuteil wurde. Ob sie ihm seine Künste neidig sind? Obwohl es viele bissige Hunde gibt, hatten wir bis jetzt nie ernsthafte Schwierigkeiten. Quasco weiss, wo er besser nicht zu nahe geht. Manchmal helfen uns auch die Kinder des Dorfes, ihre eigenen Hunde fernzuhalten. Das hiesige Hundeleben ist rau und hart. Stets im Freien, Steine und Schläge gehören zur Erziehung. Ihr Essen ist normalerweise sehr karg.
So streunen sie nachts umher und suchen nach Essbarem. Wenn man mich fragt, getraue ich mich kaum zu erzählen, was mein Hund isst. Hundevollnahrung, Mais, Schafffleisch, ab und zu Eier und gelegentlich Äpfel gehören auf seinen Speisezettel. Viele meiner Patienten haben nicht einmal sonntags solch einen reich gedeckten Tisch. Dennoch sind sie auf meinen Hund nicht neidisch, nein, sie verehren ihn. Wenn ich auf Besuch bin, ist es selbstverständlich, dass Quasco mit in die Rundhütte kommt, wo sonst kein Hund Einlass findet. Man offeriert ihm ein Schafffell und deckt ihn nachts mit einer Wolldecke zu. Er wird wie ich als Besucher behandelt. 4
4 Er bekommt das gleiche Essen wie ich, auch dreimal am Tag. Das gefällt Quasco besonders gut, isst er doch fürs Leben gern. Die Menschen hier sind voller Bewunderung für Quasco. „Unser Gott soll die Menschen segnen, die dieses Wunder vollbracht haben", sagen sie immer wieder. „Er ist mehr als ein Hund, er ist etwas zwischen Hund und Mensch, nicht wahr? Eine Gabe unseres Gottes."

Schon oft habe ich auf meinen Wanderungen gedacht, dass all jene, welche an der Ausbildung unserer Führhunde in irgend einer Form beteiligt sind, nur einen Bruchteil von dem erahnen können, was diese Hunde uns Sehbehinderten bedeuten. Wie schön ist es, im gemeinsamen Schritt über Stock und Stein zu wandern, staubige Schluchten zu durchqueren, durchs kühle Wasser zu waten, um dann auf leicht begraster Hochebene im Abendwind der untergehenden Sonne zu begegnen. Glücklich und zufrieden, auf vertrauter Spur, lauschend dem Gesang der Vögel und den vergnügten Kindern, die mit ihrer Stimme spielen.

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