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Physiotherapie - Eine notwendige Behandlungsform im afrika-ni-schen Spital?
Von Wolfgang Fasser,Physiotherapeut im Paray-Spital Freunde von Lesotho Bulletin Nr. 28, November 1989
Freudig und leichten Fusses gehen Ausi Maletsolo, mein Hund Quasco und ich unseres Weges. Der staubige Fusspfad führt uns durch frisch gepflügte Felder zum nahe gelegenen Dorf Thabana-Mahlanya. Dort ist Maletsolo zu Hause. Sie freut sich riesig. Ein schlecht heilender Beinbruch mit offenen Wunden machte es nötig, dass sie einige Monate im Spital verbrachte. Ihre Stimme bebt vor Freude; hüpfend und halb singend sagt sie: „Ich freue mich so, nach Hause zu gehen. Ich werde singen mit meinen Schwestern und mit ihnen zur Quelle gehen, um uns zu waschen." In den Händen trägt sie ein grosses Stück Brot als Mitbringsel: „Ke hantle, ‚ntate Thuso", und schon ist sie weg, hin zu den Rundhütten. Quasco führt mich weiter zum Thaba-Tseka-Shop.

Aussi Maletsolo steht für viele Patienten, die nach schweren Verletzungen wieder gehen lernen. Knochenbrüche werden in Lesotho durchwegs mit Gips behandelt; dadurch werden oft die Gelenke steif. Sorgfältige und frühzeitige Bewegungstherapie kann schwere Einschränkungen verhindern oder diese beseitigen. Eine gute Gehfähigkeit ist hier in den Bergen für jedermann sehr wichtig.

Heute ist Montag - Patientenvisite

Mit den beiden Ärzten, den Schwestern und meiner Mitarbeiterin `'Me Sophia besprechen wir die 65 Spitalpatienten. 22 stehen auf der Physiotherapieliste. Ein zerebral gelähmtes Kind - Krücken bestellen für den Beinbruch-Patienten - Atem- und Bewegungsübungen mit Bettlägerigen - Aufnehmen des am Kopf operierten Hirtenknaben - häufigeres Bewegen des Kleinen mit der verbrannten Hand: Neue Aufträge für die Physiotherapie.

Seit Beginn dieses Jahres lernt ‚Me Sophia mit mir. Sie liebt ihre Arbeit und macht vieles aus eigener Initiative. Zu zweit am Patienten lernt es sich einfach, dazu kommen Unterrichtsstunden im Physiotherapiezimmer. Auf Wunsch der Oberschwester ‚Me Annunciata habe ich zwei weitere Assistentinnen ausgebildet; so ist auch die Ablösung gewährleistet, wenn eine auf der Nachtwache oder in den Ferien ist.

Im Kinderzimmer gibt es viel zu tun. Ein kleiner Junge hat vor fünf Monaten den Ellbogen gebrochen; mangels rechtzeitiger Behandlung kann er das Gelenk nicht mehr strecken. Intensive Bewegungstherapie mag vielleicht helfen. ‚Me Sophia begleitet Abuti Pusetso in den kleinen Operationssaal, um den Verband zu wechseln. Dort wird sie, während der Kleine in Narkose schläft, die schwerverbrannten Hand- und fin-gergelenke bewegen. Ausi Hlapile, ein kleines Mädchen, freut sich wenn ich zu ihr komme; sie frägt nach dem Verbleiben von Abuti Mothusi, meinem Hund. Sorgfältig bewege ich ihre kleinen Beine und dehne die Hüftgelenke. Auch sie hatte sich mit heissem Hirsebrei verbrannt.

Mittags kehren wir von der Abteilung zurück in das Physiotherapiezimmer. Ambulante Patienten sitzen plaudernd auf der sonnigen Veranda und warten. Die Krankenschwester oder die Ärzte im Ambulatorium haben Physiotherapie verordnet. Einem kleinen Büchlein entnehmen wir die nötigen Informationen über den Patienten und bestimmen die Therapie. Ein Mann mit chronischen Nacken- und Schulterschmerzen lernt Selbstbehandlungsübungen, nachdem wir ihn massiert und mit heissen Wickeln behandelt haben. Ein Hirtenknabe, dessen Knie nach einer Infektion am Oberschenkel versteifte, kam für längere Zeit zu uns. Heute ist es das letzte Mal; der Aufwand hat sich gelohnt: Er kann wieder reiten und normal gehen. Auch Ausi Malefo ist da: sie kommt regelmässig seit anderthalb Jahren. Eine zerebrale Lähmung liess ihre Füsse versteifen und verkrampfen und so konnte sie nicht gehen lernen. Ebenso war ihre Sprache behindert. Viele Therapiestunden haben dazu beigetragen, dass ihre Füsse wieder beweglich wurden. Ende April diesen Jahres konnten mit einer Operation zu kurze Sehnen verlängert werden. Nun ist sie fähig, normal zu gehen. Mit einfachen und lustigen Sprachübungen lernte sie doch etwas sprechen. Sprachtherapie ist ein Randgebiet unserer Arbeit, gibt es doch keine Logopädie in Lesotho. Dank meiner eigenen Erlebnisse als Schüler in der anthroposophischen Sprachgestaltung und dank des aufmerksamen, sorgfältigen und geduldigen Lehrers, den ich geniessen durfte, hatte ich den Mut, diese Herausforderung anzunehmen.

Ich bewundere die vielen ambulanten Patienten, die einige Stunden Wegstrecke auf sich nehmen, um uns zu besuchen; zu Fuss oder mit dem Pferd, manchmal auch im Regen. Bewegungsarmut ist hier kaum eine Ursache von Gelenkschmerzen.

Am Nachmittag erwartet uns ein ausgefülltes Programm

Abuti Lejone ruft uns. Er hat das Spitalpferd gesattelt. Ntate Lekhanya ist auch schon bereit für die Therapie auf dem Pferd. Die Guillain-Barré'sche Krankheit hatte ihn vor zehn Monaten sehr schwer gelähmt. Unermüdlich haben alle mitgeholfen, so dass er wieder sitzen, essen und schreiben kann, die Beine bewegen und erste Schritte an Stöcken versucht. Die Bewegungstherapie mit dem Pferd hat viele günstige Wirkungen: Balance und Koordination werden trainiert, ganze Muskelgruppen werden zu ge-sundem Bewegen stimuliert. Das Erlebnis, mit dem Pferd zu sein, wieder reiten zu können, lässt ihn tief vertrauen in seine Genesung. Die Leute rufen und winken ihm zu; alle freuen sich über das geschenkte Glück.

In der Frauenabteilung behandeln wir drei Patientinnen. Fröhlich spornen uns die einen bei den Gehübungen mit der alten Nkhono (Grossmutter) an. Vor dem offenen Fenster höre ich die Tuberkulose-Patienten munter lachen. Zu acht wird gemeinsam geturnt. ‚Me Sophia unterstützt sie in der richtigen Ausführung; sie betreut auch die Gruppe schwangerer Frauen bei den gymnastischen Geburtsvorbereitungen.

Heute ist auch Schultag für mich. Ich unterrichte die Schwesterassistentinnen in Anatomie und Physiotherapie; dadurch sollen sie sensibilisiert werden für die Wichtigkeit von Bewegung im Heilungsprozess.

Physiotherapie - eine fremde Behandlungsform?

Vor zwei Jahren, als ich mit meiner Arbeit begann, wurde ich mit viel Skepsis beobachtet. Ich war ihnen nicht so verständlich, weder als Blinder noch mit meiner Arbeit. Besonders bei Gelähmten war ihre Resignation und der Fatalismus gross: „Glaubst Du nicht, dass du deine zeit verschwendest?", fragten mich die Krankenschwestern. Doch nachdem einige Halbseiten-Gelähmte wieder gegen konnten und Kinder ihre Hände nach schweren Verbrennungen wieder normal bewegten, spürte ich mehr und mehr Unterstützung. Für die Patienten war es anders: sie vertrauten sehr schnell, da sie spüren konnten, was unsere Hände an ihnen bewirkten, wie die Bewegungen sie lockerten und kräftigten. Massage ist etwas Bekanntes in der Kultur der Basotho. Bei Rückenschmerzen legen sich die Frauen heisse Tücher auf und massieren die schmerzhafte Stelle. „Ke ngaka ea masapo" sagen sie zueinander, „Er ist derjenige, der die Knochen heilt." An einem Kurs für traditionelle Heiler erkannten die Teilnehmer viel Verwandtes: „Du arbeitest ja wie wir, mit den Händen, mit der Medizin zum Einreiben, mit dem Körper und du gibst auch Ratschläge. Es braucht nicht mehr dazu als deine Kräfte." Das war auch ein Grundsatz für meine Arbeit. Wir versuchen mit den schon vorhandenen Mitteln zu wirken; den Händen, Bewegungs-. und Atemübungen, kalten und warmen Wickeln, dem Pferd und der Freude in der Gemeinschaft.

Zwei Jahre Einsatz am Paray-Spital, eine äusserst eindrückliche und lehrreiche, manchmal auch schwierige Zeit. Fern von modern technisierter und komplexer Physiotherapie habe ich die Kostbarkeit der einfachen und naturgegebenen Elemente in unserem Beruf erfahren. Ein Beitrag eines Entwicklungslandes in die erste Welt. Khotso! Pula! Nala! 4

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