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Was die Jugend über das Alter wissen sollte Nachdenken über die Gerontopsychologie

Von Dr.phil. Barbara Schmugge
Einleitung
Eine 66jährige Frau kommt nach dem zweiten Selbsttötungsversuch auf die gerontopsychiatrische Aufnahmestation einer Klinik. Sehr schnell wird klar, dass die Frau intensive stationäre Psychotherapie braucht und sich sehr unwohl fühlt auf der naturgemäss unruhigen Aufnahmestation. Sie wechselt die Station und kommt auf die Psychotherapie- und Rehabilitationsstation für Leute über 65. Dort bleibt sie 5 Wochen und macht anschliessend noch während anderthalb Jahren eine ambulante Psychotherapie mit einer Stunde pro Woche, in welcher sie ihre Depression und deren Hintergründe anschauen, besser verstehen und schliesslich überwinden konnte.

Vor 10 Jahren wäre dieser Verlauf noch nicht selbstverständlich gewesen: Psychotherapiestationen für Leute über 65 gibt es in der deutschsprachigen Schweiz erst seit wenigen Jahren, zum Beispiel in Wil SG, Oetwil am See ZH, Münsterlingen TG. Vor 10 Jahren hat das Alter die psychologische Wissenschaft kaum interessiert. (Wann das Alter beginnt, ist eine in den gerontologischen Wissenschaften eingehend diskutierte Frage. Für unsere Zusammenhänge soll die folgende weitverbreitete Forschungskonvention gültig sein: Der Beginn des Alters fällt mit der üblichen Pensionierungsgrenze zusammen, d.h. mit 65.) Vor 10 Jahren wurde an den Universitäten kaum etwas über Altersfragen gelehrt, und Studienabsolventinnen und -absolventen der Psychologie hatten in ihrem Studium, z.B. der klinischen Psychologie, nichts über Gerontopsychologie gehört. Höpflinger schildert 1999, dass das erste gerontologische Forschungszentrum an einer Uni 1992 in Genf entstand. Früh seien zwar in der Schweiz spezielle Institutionen, Beratungsdienste und Betreuungseinrichtungen für ältere Menschen entstanden, diese arbeiteten jedoch lange Zeit, ohne dass sie von der wissenschaftlichen Forschung unterstützt worden wären. Man hat sich da eher an der deutsch- und englischsprachigen Forschung im Ausland orientiert. Bis heute, so Höpflinger (1999) weiter, bestünden in Bezug auf die Altersforschung in der Schweiz Lücken, obschon sie durch das Nationale Forschungsprogramm 'Alter' (NFP 32, 1992 bis 1998; siehe auch Höpflinger & Stuckelberger, 1999) einen Aufschwung erfahren habe.

Heute wird an den Universitäten über Fragen des Alters geforscht und gelehrt, und es steht zu hoffen, dass die Professur in Gerontopsychologie an der Uni Zürich bald besetzt sein wird. 1998 wurde an der Universität Zürich das Zentrum für Gerontologie gegründet. Es gibt heute einen interdisziplinären Studiengang Gerontologie an einer Uni sowie mehrere sonstige Studien- und Ausbildungsgänge in Gerontologie (z.B. derjenige der SAG). Auch an verschiedenen Fachhochschulen beginnt man jetzt wie wir an der HAP mit dem Einbezug der Gerontopsychologie in Lehre, Forschung und Dienstleistungen.

Sie sehen also, es tut sich etwas auf diesem Sektor. Und das alles ist erfreulich. Bei einem schnell wachsenden Anteil der über 65-Jährigen an der Einwohnerschaft der Schweiz aber doch eine längst fällige Entwicklung. Und niemand sollte verleitet werden sich zurückzulehnen, denn vieles ist noch unerforscht. Ich denke an die vielen Fragen rund um die lange Pflegebedürftigkeit, an die Behinderungen im Alter, die erworbenen und die seit langem bestehenden, an Religiosität und Spiritualität im Alter, an Gewalt im Alter (erlittene und verübte) und vieles mehr. Aber es geht nicht nur darum, Studie auf Studie zu häufen, sondern die Vorannahmen, unter denen Forschung passiert, sollen transparent werden. Eine meiner Meinung nach taugliche Vorannahme zum Beispiel wäre, dass das Alter, hier wiegesagt gemeint ab 65, für immer mehr Menschen nahezu ein Drittel ihres Lebens ausmacht und eine eigenständige, differenziert zu verstehende Lebensphase ist.

In diesem Vortrag will ich Ihnen einige Inhalte der Gerontopsychologie aufzeigen. Ausgehen wollen wir von einigen eindrücklichen Wissenslücken und Vorurteilen über das Alter, die auch für uns Fachfrauen und -männer gar nicht so einfach zu durchschauen sind. Anschliessend wollen wir etwas über die Entwicklungspsychologie des höheren Lebensalters erfahren, dann über die Besonderheiten in der Psychotherapie mit Älteren und schliesslich über die Beiträge und Aufgaben von uns Psychologinnen im Bereich der Demenz nachdenken.

Wissenslücken und Vorurteile
Es lohnt sich darüber nachzudenken, welchen Überzeugungen über ‚das Alter' wir anhängen. Wir haben alle schon erlebt, wie wirksam Vorurteile über alte Menschen unsere Wahrnehmung prägen. Im übrigen gilt dies ebenso für die Gilde der Professionellen: Auch wir Alterspsychologen und Alterspsychotherapeutinnen lassen uns gerne von unseren (akademischen) Vorurteilen leiten.
Ich möchte Ihnen drei Beispiele für hartnäckige Mythen übers Alter geben.

Mythos Nr. 1: Sehr viele alte Menschen leben in Heimen - (ergänze: und liegen dem Staat auf der Tasche). Bei einer Umfrage in der Bevölkerung mit der Frage ‚wieviele Ältere leben im Heim?' fallen die Antworten bei den meisten Menschen deutlich falsch aus, und zwar immer auf ähnliche Art falsch, die Schätzungen sind viel zu hoch: 40 % zum Beispiel sagen die Befragten. Die korrekte Antwort lautet: von den >80-Jähr. leben 22 % , von allen über 65-jährigen Menschen leben 8% in Heimen.

Mythos Nr. 2: Einer Kollegin von mir, einer erfahrenen klinischen Psychologin, machte ich aufgrund ihrer Schilderung der offensichtlichen kognitiven Probleme ihres Vaters den Vorschlag, der 80-Jährige könnte seine Schwierigkeiten in einer ambulanten Gedächtnissprechstunde abklären lassen. Meine Kollegin: Aber nein, das ist doch normal mit 80.

3. Mythos: Ein nicht ganz unbekannter Psychiater sagte im Brustton der akademischen Überzeugung, man könne mit Älteren nicht verhaltenstherapeutisch arbeiten, weil diese es nicht ertrügen, wenn man konfrontativ vorginge. Auf den Einwand, dass Lucio Bizzini (siehe z.B. in Bäurle & Radebold, 2000) in Genf seit 20 Jahren genau das - und erfolgreich! - tut, musste er allerdings einräumen, dass er gar keine Erfahrung in der Psychotherapie mit Älteren hat.

Oder, ein viertes Vorurteil, vor dem Gerontopsychologinnen selber oft nicht gefeit sind: Alte Menschen wünschen sich nichts sehnlicher als wieder jung zu sein - und darum interessieren sie sich generell brennend für Jüngere.

Warum erzähle ich Ihnen all das? Nun, weniger aus Gründen der Häme, sondern wegen etwas anderem: Wir alle haben mehr oder weniger fixe Vorstellungen und Meinungen, was das Leben 'im Alter' betrifft. Diese decken sich nur häufig nicht mit den Tatsachen. Diese Meinungen, Vorstellungen speisen sich aus verschiedenen Quellen und haben verschiedene Funktionen. Sie formen zum Beispiel unser Bild vom Altwerden nach unseren Wünschen und Ängsten. Sie wehren bestimmte Ängste ab, oder sie überdecken schlicht die banalsten Wissenslücken, die zu füllen man sich aber auch nicht speziell einsetzen mag.

Nun wollen wir aber nicht bei den Mythen und Vorurteilen übers Alter stehen bleiben, sondern den oftmals überraschenden Tatsachen über das Alter ins Auge schauen. Wenden wir uns also wie gesagt den drei Gebieten der Gerontopsychologie zu.

Entwicklungspsychologie des Lebenslaufes
Fragt man Professionelle aller Berufsgruppen in der Arbeit mit alten Menschen, wie sie sich intuitiv, also nicht wissensgestützt, Entwicklung vorstellen, sagen viele: Es geht von klein an aufwärts, der Höhepunkt liegt so bei 50, dann geht es eher abwärts. Mit anderen Worten, die Leute reden von einer Art Halbkreismodell: Nach dem Scheitel-, dem Höhepunkt des Lebens, geht es ‚abwärts', den Berg hinunter, folgt der Abstieg, folgt der Abbau. Das sind doch sicher Worte, die wir alle schon gehört haben und selber auch verwenden.

Das Bild der Lebenstreppe wirkt, als würden auf dem ‚Abstieg' die alten Menschen wieder wie Kinder. Dazu möchte ich eine Bemerkung machen: Alte Leute sowieso nicht, aber auch Demente werden nicht wie Kinder. Nie. Die Hilflosigkeit und der zunehmende Verlust an kognitiven Fähigkeiten und an Selbständigkeit werden von einer erwachsenen Person erlitten und je nach Ressourcen bewältigt. Wir wissen aus naheliegenden Gründen nur allzu wenig über die innerseelischen Bewältigungsprozesse, die inneren Strategien, die verwendet werden, um mit der Krankheit Demenz zurande zu kommen. Wir wissen, dass bei einer beginnenden Demenz der Leidensdruck bei den Betroffenen sehr hoch ist. Was aber geschieht, wenn die Demenz fortschreitet und die verbale Kommunikation zunehmend ausfällt? Wie erlebt, erleidet der oder die Betroffene die Krankheit? Wir können es nur aus unserer Beobachtung schliessen, wir können nicht mehr auf die verbalen, nur noch auf die anderen Äusserungsformen abstützen. Umso mehr ist es dann geboten, fair und faktisch zu bleiben und nicht Interpretationen in das Geschehen hineinzulegen. Nur die Zeichen deuten, die klarer zu deuten sind und bescheiden anerkennen, wie wenig wir wissen über das innerseelische Erleben von Demenz, das steht an.

Das ‚Halbkreismodell' des Lebenslaufes, das auch gleichsam unhinterfragt hinter vielen bisher ausformulierten Entwicklungstheorien steht, hält sich hartnäckig. Und zwar bei den Profis wie bei den Laien. Es leistet dem Defizit- und Defektmodell des Alters klammheimlich Vorschub, obwohl wir doch das für überwunden halten. Das Defizitmodell besagte, dass das Alter immer ein Prozess von zwangsläufigem Abbau sei. Der alte Mensch sei einem zunehmenden und unumkehrbaren Funktionsverlust in allen Bereichen ausgesetzt. Nur: Differenzierte Forschungsbefunde zum Lernen, zur Kompetenz, zur subjektiven Befindlichkeit und zum körperlichen Zustand sprechen keineswegs für dieses Modell des allround-Abstiegs nach 50. Vielmehr finden im Alter differenzierte, kompliziert zu fassende Veränderungsprozesse im Psychischen, Kognitiven und Körperlichen statt. Diese Veränderungsprozesse werden ja von den gerontologischen Wissenschaften, u.a. von der Gerontopsychologie erforscht.

Einige Bausteine der Entwicklung oder einige Entwicklungsaufgaben im Alter (aber keine Entwicklungstheorie im höheren und hohen Alter) möchte ich Ihnen hier vorstellen.

Entwicklung ist ein lebenslang ablaufender, dynamischer Prozess. Entwicklung findet auf verschiedenen Gebieten statt: in der Persönlichkeit, dem Ich; im Bereich Ethik / Moral, dem Über-Ich; im Gebiet Aktivität, Beruf; in den Beziehungen, und zwar denen innerhalb einer Generation und denen zwischen den verschiedenen Generationen; in der Psychosexualität; im Feld von Spiritualität, Religiosität, Metaphysik. Wenn wir das so annehmen können, dann stellen sich innerhalb jeder Altersstufe Entwicklungsaufgaben. Auch nach 60 natürlich. Nun verläuft ja die Entwicklung immer individueller, je älter wir werden. Gewissermassen könnte man uns, sind wir mal 40, 50, 60 nicht mehr in einer Klasse unterrichten. Zum Beispiel finden Berufsaufgabe, Scheidung, Verwitwung bei verschiedenen Leuten in unterschiedlichem Alter statt, ziehen die Kinder aus, wenn einige Eltern 50 sind, andere 40. Diese divergente Entwicklung hat zur Folge, dass man die Entwicklungsschritte oder -aufgaben im mittleren und hohen Lebensalter nicht mehr so einfach einer bestimmten Altersspanne zuordnen kann. Die Aufgaben, die in der Entwicklung zu bewältigen sind, nennen wir nicht nur psychische, sondern psychosoziale Aufgaben, denn sie schliessen seelische Prozesse wie auch Beziehungen zu anderen Menschen und zur Umwelt ein. Radebold (1992) gibt eine umfassende Übersicht über diese Aufgaben. Ich will Ihnen hier nur einige davon aufzeigen:

Ein Themenkreis der Entwicklung ist das Reagieren auf den eigenen sich verändernden Körper. Zwischen 45 und 65, so Radebold, müssen sich die Menschen mit äusserlichen (z.B. Aussehen) und inneren (z.B. Leistungsfähigkeit) Veränderungen auseinandersetzen, die mit den Jahren kommen. Zwischen dem 75. und 80. Jahr ist das Thema der persönlichen Auseinandersetzung oder eben der Entwicklung das Annehmen von Hilfe, das Nutzen von Hilfsmitteln, u.U. das Akzeptieren von Pflegeleistungen. Es braucht ferner eine intensive und schwierige Auseinandersetzung damit, dass der Körper in diesem Alter Beziehung stiftet, wenn Pflegeabhängigkeit besteht.

Heuft (2000) hat ein Modell entworfen, das den Körper mit seinen spezifischen Veränderungen im Alter gar zum Motor der Entwicklung erklärt. Das Modell basiert auf psychoanalytischen Grundannahmen. Vereinfacht gesagt ist in Kindheit und Jugend der Motor der Entwicklung der Trieb, im früheren Erwachsenenalter die Objektbeziehung und im Alter eben der Körper. Körperliche Veränderungen sind ein Thema des Alters, das auf jede und jeden nach 60 zukommt, auch bei hervorragender Gesundheit. Diese Veränderungsprozesse verlaufen nicht stumm und nicht selbstverständlich. Sie lösen oft eine psychische Krise aus, die in der Regel psychotherapeutisch gut behandelbar ist. Dabei geht es darum, dass die körperlichen Veränderungen in die Persönlichkeit integriert werden.

Ein anderer Themenkreis der Entwicklung, der im Alter bedeutsam ist, ist der der Beziehungen innerhalb der eigenen Generation. Da stellt sich zum Beispiel das Thema der Neuorientierung innerhalb der Zweierbeziehung, wenn die Kinder aus dem Haus sind oder nach der Pensionierung. Oder das Thema der Suche nach und Gestaltung von freundschaftlichen Beziehungen nach dem Aufgeben des Berufes.

Als drittes Beispiel für einen Themenkreis der Entwicklung, der im Alter bedeutsam ist, möchte ich das Erhalten der eigenen Identität nennen. Als Einzelaufgaben sind da zu nennen das Annehmen der Identität eines Menschen, der nicht mehr im Berufsleben steht oder das Akzeptieren der Identität als Alleinlebende nach Verwitwung. Auch das bewusste Suchen nach neuen psychosozialen Aufgaben gehört hierhin (‚das Alter als Musse und Müssen').

Gibt es Entwicklungsaufgaben, die sich nur im Alter finden? Ja, meinen (neben Heuft, wie wir gehört haben) verschiedene weitere Autoren und Autorinnen: Trotz biologischer Grenzen sich psychologisch weiterentwickeln; oder: Trauern und durch gelingende Trauerarbeit Freiräume gewinnen für Neues. (Die lebensgeschichtliche Trauer nimmt ja mit dem Alter zu, da die Verluste zunehmen).

Diese wenigen Ausführungen vermitteln nur eine Ahnung von der Vielfältigkeit der Entwicklungsschritte im Alter. Aber vielleicht konnte klar werden, dass Entwicklung immer ganz etwas anderes sein muss als zwingender ‚Abbau', womöglich noch auf der ganzen Linie. Natürlich können einzelne Entwicklungschritte scheitern oder nicht gut vonstatten gehen. Aber der ganze Prozess verläuft differenziert und wie gesagt höchst individuell und ist deshalb auch differenziert und individuell zu beschreiben. Auch für diagnostische und therapeutische Zwecke kann eine feine Übersicht über die einzelnen Entwicklungsfelder und -aufgaben, wie sie Radebold (1992) formuliert hat, gute Dienste leisten.

Besonderheiten der Psychotherapie im Alter
Zum Thema Psychotherapie im Alter sind zunächst einmal zwei sehr unterschiedliche Aussagen denkbar: Die eine Aussage: Das geht doch nicht; die andere Aussage: Da ist nichts anders als in der Psychotherapie mit jüngeren Leuten. - Meine Antworten auf beide Aussagen: Doch, es geht sehr wohl und ist auch schon belegt; und: doch, einiges ist sehr wohl anders als in der Therapie mit Jüngeren.

Zu diesen meinen Antworten möchte ich im folgenden einige Ausführungen vorstellen.

10-25 % aller Leute über 65, so schätzen Fachleute, haben behandlungsbedürftige Störungen mit seelischen Ursachen. 30 % davon könnten und wollten auch Psychotherapie machen, und gegen 0% bekommt Psychotherapie. Das sind alarmierende Zahlen, die sogleich danach fragen lassen, was hinter ihnen steckt.

Mit anderen Worten: Welche Schwierigkeiten verhindern, dass ältere und alte Leute psychotherapeutische Behandlung bekommen? Die Gründe liegen bei den älteren Leuten selber, bei deren Angehörigen, bei den Hausärztinnen und -ärzten, vor allem aber liegen die Schwierigkeiten bei den Psychologinnen und Psychiatern selber! Über die Schwierigkeiten, die Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen mit Alternspsychotherapie haben, möchte ich jetzt sprechen.

Radebold ist ein Autor, der sich intensiv und seit langem mit der Psychotherapie Älterer beschäftigt. Er ist Therapeut und Forscher und kommt von der Psychoanalyse her. Er findet, dass die Phantasien der Therapierenden übers Alter und über alte Menschen für die Therapie sehr wichtig sind. Auch die eigene Angst vor dem Alter und die Erfahrungen mit dem Alter sind ein Mittelpunkt der therapeutischen Arbeit und des Nachdenkens.

Warum bekommen laut Radebold (in: ohne Autor: Psychotherapie, Beratung und Begleitung älterer Menschen, 1998) zu wenig Ältere angemessene Psychotherapie?

  • Die Begegnung mit älteren und alten Patienten konfrontiert uns unbarmherzig mit unangenehmen, schwierigen und bedrückenden Aspekten des Altwerdens: Mit Krankheiten, Behinderungen, Verlusten, sozialer Beeinträchtigung, Altersarmut, 'Wohnunglück', Begrenztheit des Lebens, Sterben, Tod. Man muss miterleiden, mittrauern. Wollen das die jungen Therapeuten? Sich so früh den Fragen aussetzen: will ich alt werden, wie will ich alt werden...? Zugleich müssen die Therapierenden dem gesellschaftlichen Tabu des nur schwierigen Altwerdens, des nur leidenden Altwerdens etwas entgegenhalten, sonst können sie nicht Therapie machen.
  • Zwischen den verschiedenen Berufsgruppen braucht es eine anspruchsvolle, intensive Zusammenarbeit. Eine Gesamtschau psycho-bio-sozialer Natur muss sein, und zwar in flexiblerem Ausmass als das in der Regel bei jüngeren Patientinnen nötig ist. Z.B. ist bei älteren Patientinnen rasche Gesundheitsverschlechterung wahrscheinlicher. Körperliche Funktionen, Sinnesleistungen, Aspekte der Lebenssituation, die Rolle der Angehörigen, mögliche Abhängigkeiten müssen berücksichtigt werden.
  • Das Alter der Krankheit ist meist höher, die Besserungschancen sind damit tiefer.
  • Die Altersdifferenz zwischen Patient und Therapeutin kann sehr gross sein. Das birgt spezifische Gegenübertragungsmuster: Wenn wir selber im Alter von 25, 30, 35, 40 eine Therapie machen, ist der Therapeut älter oder höchstens gleich alt. Die durch die Behandlung angestossene Regression macht, dass die Patienten die Therapeutin relativ schnell als Elternfiguren setzen. Wir bilden, heisst das in psychoanalytischer Fachsprache, Übertragungen auf die Therapeutin oder den Therapeuten von unseren ersten so wichtigen Beziehungen her. Die Elternposition versichert den Therapierenden einer Autorität, die er natürlich auch durch Ausbildung und Rolle innehat. Nun aber kommt ein Patient, der eine Generation und mehr älter ist als wir. Man befindet sich vom Alter her in der Kinder- oder gar Enkelposition, begegnet 'Eltern' oder 'Grosseltern'. Damit werden eigene unbewusste Erwartungen, Wünsche, Ängste, aber auch Konflikte, die man bearbeitet geglaubt hat, wach. Von den älteren Klienten werden unbewusst abwertende Geringschätzung (was kann die jüngere Therapeutin mir schon in seelischen Dinge helfen?) oder aber Idealisierung (Hilfe, Wiedergutmachung, Versöhnung, Zuneigung, Ersatz) angeboten. Kommt hinzu, dass die Beziehung zwischen Klient und Therapeutin durch Beziehungsübertragungen aus mehreren Generationen geprägt sein kann.
Es gibt natürlich auch Schwierigkeiten auf Seiten der Älteren: Psychisches ‚findet nicht statt', man redet nicht mit Aussenstehenden, schon gar nicht mit Jüngeren, über seelische Probleme, mit zusammengebissenen Zähnen schweigt man, wird man selbst mit Problemen fertig. Ängste und Phantasien in Bezug auf ‚Psychiatrie' hemmen die Suche nach adäquater Hilfe. Es bedeutet eine narzisstische Kränkung (deren es im Alter sowieso schon viele gibt), dass man im Alter auf psychotherapeutische Hilfe angewiesen sein soll, wo man es doch so viele Jahre allein geschafft hat. Diese Einstellungen hängen allerdings sehr vom Jahrgang einer Person ab: Die Einstellung einer Frau mit Jahrgang 1920 zu seelischen Schwierigkeiten ist anders als die einer Frau mit Jahrgang 1935. Eine Tatsache übrigens, die sich in der Psychotherapiestation in Wil, wo Leute ab 60 Behandlung finden, bereits zeigt.

Als Therapeutin sollte man nicht ausschliesslich Ältere behandeln, sondern Patienten und Patientinnen aller Altersstufen (gültig aber auch der Umkehrschluss: Man sollte nicht nur Jüngere behandeln! Wenn Sie in einer Institution tätig sind, werden Sie wissen, wie wenig der Umkehrung dieser Empfehlung Rechnung getragen wird). Nicht nur die therapeutische Erfahrung wird erweitert durch die Therapie mit Älteren.

Soviel zu den Gründen, die verhindern, dass alte Menschen die Psychotherapie bekommen, die sie brauchen.

Was wissen wir heute über den Effekt von Psychotherapie im Alter? Zusammenfassend kann mit Radebold (z.B. in: ohne Autor: Psychotherapie, Beratung und Begleitung älterer Menschen, 1998) gesagt werden: Psychotherapie mit über 65-Jährigen ist möglich, sinnvoll, notwendig und langfristig erfolgreich. Dabei wird die psychoanalytisch orientierte Fokal- und Kurztherapie ambulant und stationär mit gutem Erfolg angewendet. Dies bei reaktiven Störungen inclusive Suizidversuchen. Weniger häufig wird die psychoanalytische Psychotherapie mit 80 - 150 Stunden bei Älteren durchgeführt, und sehr wenig ist bisher bekannt über Langzeittherapien. Kombinierte Therapiekonzepte im multimodalen Sinne sind in stationären Einrichtungen häufig zu finden. Das bedeutet, dass eine Patientin z.B. eine Einzelpsychotherapie, eine Gruppentherapie, eine Bewegungstherapie und ein kreatives Verfahren in Anspruch nimmt. Eine intensive Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen aus Medizin, Psychologie, Pflege, Sozialarbeit, Aktivierungstherapie ist in diesem Setting besonders nötig.

All dies spricht dafür, dass das obgenannte Missverhältnis von Bedarf an Therapie und entsprechenden Angeboten zu beheben ist. Der Hauptappell richtet sich dabei an die Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen: Mögen sie sich vermehrt für die Behandlung Älterer öffnen, durch Weiterbildung vorbereiten und aktiv einsetzen!

Die Gerontopsychologie im Feld der Demenz
Als dritten Einblick in die Gerontopsychologie habe ich das weite Feld der Altersdemenzen gewählt. Es ist ein bedeutsames Praxisfeld der Gerontopsychologie. Demenzen kommen im Alter etwa gleich häufig vor wie die reaktiven neurotischen Störungen. Damit ist übrigens ein weiteres verbreitetes Vorurteil angesprochen, nämlich dass Gerontopsychologie praktisch gleichzusetzen sei mit Demenzpsychologie. Diagnostik und bestimmte therapeutische Möglichkeiten der Demenzen sind traditionelle Arbeitsfelder für Gerontopsychologinnen. Im Feld der Demenzen ist interdisziplinäres Arbeiten verschiedener Berufe unverzichtbare Regel; dazu gehören Medizin, Krankenpflege, Sozialarbeit, Aktivierungstherapie, Psychologie. Ambulante Demenzabklärungen werden seit gut 10 Jahren in der Schweiz in Gedächtnissprechstunden oder Memorykliniken angeboten; in Basel befindet sich gar die älteste Memoryklinik Europas.

Die Demenz ist ein erworbener und bleibender Zustand geistigen Versagens. Dieser kann viele Ursachen haben. Die Alzheimer-Krankheit ist die häufigste Ursache von Demenz. Die Symptome der Demenz kann man zusammenfassend so umschreiben: Das Gedächtnis streikt, die Übersicht geht verloren, das Zeitgefühl schwindet, die vertraute Umgebung wird fremd; diese Orientierungslosigkeit führt zu vollkommener Unselbständigkeit. Übrigens hat Alois Alzheimer in seiner ersten Publikation über diese Krankheit 1907 eine Übersicht über die Symptome geliefert, der wir heute aus fachlicher Hinsicht nichts hinzuzufügen haben.

Gemäss WHO sind die Demenzen eine der grössten medizinischen Herausforderungen der industrialisierten Staaten im angehenden 21. Jahrhundert. Von den 60-65jährigen Schweizerinnen und Schweizern sind 1%, von den 80jährigen 13%, von den 85jährigen 21% von Demenz betroffen. Diese Zahlen weisen auf den stärksten Risikofaktor für die Demenzen, das Alter. Die genaue Diagnostik der verschiedenen Demenzerkrankungen ist eine komplizierte Sache, die in die Hände von Fachleuten gehört. Normalerweise hat der Hausarzt eine erste Vermutung und macht einen kurzen und schon recht aussagekräftigen Test, ein sogenanntes mini mental screening (MMS). Der cut off-Wert, also der Wert, der in der Regel Gesunde von Dementen trennt, liegt bei 26/27 Punkten. Bei Demenzvermutung überweist der Hausarzt den Patienten an eine Memory-Klinik oder Gedächtnissprechstunde. Im folgenden wird Ablauf einer ambulanten Demenzabklärung geschildert, wie sie im Bereich Gerontopsychiatrie der Kantonalen Psychiatrischen Dienste in Wil SG durchgeführt wird.

Ein Interdisziplinäres Team, bestehend aus Ärztin, Sozialarbeiterin oder Pflegerin PSyKP und Psychologin führt die eintägige ambulante Demenzabklärung durch. Die Sozialarbeiterin oder Pflegerin PSyKP nimmt mit den Angehörigen der Patientin oder des Patienten eine umfangreiche Sozialanamnese auf, welche die Veränderungen in möglichst vielen Lebensbereichen erfassen will. Die Sozialanamnese dauert eineinhalb bis zwei Stunden und ist für die Angehörigen dadurch, dass sie mit den krankheitsbedingten Veränderungen konfrontiert, ebenso klärend wie anspruchsvoll.

Die medizinische Untersuchung des Patienten stützt sich auf Voruntersuchungen und Abklärungen des Hausarztes und empfiehlt in der Regel weitere medizinische Untersuchungen, z. B. bildgebende Verfahren.

Die neuropsychologische Testung wird in zwei Teilen (zweimal eine Stunde) durchgeführt, um die Belastung für den Patienten möglichst gering zu halten; sie ist gross genug. Sie beinhaltet eine ergänzende psychologische Anamnese, den CERAD, eine recht umfangreiche Demenztest-Batterie, die in den meisten Deutschschweizer Zentren verwendet wird und weitere Verfahren, welche allfällige Veränderungen in den verschiedenen kognitiven Funktionen erfassen können.

Eine (transparent gemachte) Verhaltensbeobachtung des Patienten findet über Mittag während des Essens und der anschliessenden Zeit (Ruhe, Spazieren, Kaffee trinken) statt. Die Sozialarbeiterin oder Pflegerin PSyKP führt sie nach einem feststehenden Schema durch und dokumentiert die Befunde.

Die Diagnosekonferenz aller beteiligten Fachleute findet am späten Nachmittag des Untersuchungstages statt. Alle Befunde des Tages werden zusammengetragen, Diagnose und Behandlungsvorschläge erarbeitet und formuliert. Psychologin und Ärztin schreiben einen gemeinsamen Bericht zuhanden des überweisenden Arztes.

Im Schlussgespräch mit dem Patienten und seinen Angehörigen, das eine Woche nach dem Untersuchungstermin stattfindet, werden die Untersuchungsbefunde dargestellt und besprochen, medikamentöse und andere Behandlungsvorschläge werden eingehend erläutert, offen gebliebene Fragen geklärt. Diese Schlussgespräche sind oft sehr belastend für die betroffene Familie, einschneidende Themen werden angesprochen, z.B. Berufsaufgabe, Umorientierung in den gewohnten Rollen innerhalb der Familie, Aufgeben des Autofahrens. Falls angezeigt wird eine weitere Betreuung vereinbart, und Angehörigengruppen, Spitex und weitere Massnahmen werden empfohlen.

Abschluss
Von einigen Vorurteilen übers Alter und über ältere Menschen sind wir ausgegangen, haben uns mit der Psychologie des Lebenslaufes befasst, die Alterspsychotherapie gestreift und erfahren, wie eine ambulante Demenzabklärung vonstatten geht. Ich hoffe, dass in diesen wenigen Einblicken aufscheinen konnte, wie zukunftsfähig, interessant und relevant die Geronto-psychologie ist. Heute sollte kein Student, keine Studentin der Psychologie das Studium abschliessen, ohne eingehend über gerontopsychologische Fragestellungen unterrichtet worden zu sein.
(Antrittsvorlesung an der Hochschule für Angewandte Psychologie Zürich, 26.9.2001) Besten Dank an die Autorin, Frau Dr. Schmugge, für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung im Internet.

Literatur
(ohne Autor)(1998). Psychotherapie, Beratung und Begleitung älterer Menschen. Szondianer Sonderdruck 5

Bäurle P., Radebold H. u.a. (Hrsg.)(2000). Klinische Psychotherapie mit älteren Menschen. Grundlagen und Praxis. Bern: Hans Huber

Heuft G., Kruse A., Radebold H.(2000). Lehrbuch der Gerontopsychosomatik und Alterspsychotherapie. München: Reinhardt

Höpflinger F. (1999). Entwicklung und Stand der Gerontologie in der Schweiz. Referat am 1. Zürcher Gerontologietag www.zfg.unizh.ch/hoepflinger_wissenschaftl..htm

Höpflinger F. & Stuckelberger A. (1999). Alter. Hauptergebnisse und Folgerungen aus dem Nationalen Forschungsprogramm NFP 32. Bern.

Die Hauptpublikation zum NFP 32: Höpflinger F. & Stuckelberger A. (1999). Demographische Alterung und individuelles Altern. Ergebnisse aus dem Nationalen Forschungsprogramm ‚Alter / Vieillesses / Anziani'. Zürich: Seismo.

Junkers G. (1995). Klinische Psychologie und Psychosomatik des Alterns. Stuttgart: Schattauer.

Mayer, K.U. & Baltes, P. (Hrsg.)(1996). Die Berliner Altersstudie. Berlin: Akademie-Verlag.

Radebold H. (1992). Psychodynamik und Psychotherapie Älterer. Berlin: Springer

Dieser Artikel wurde mir mit freundlicher Genehmigung der Autorin, Barbara Schmugge, zur Veröffentlichung überlassen.

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