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MYOREFLEXTHERAPIE
Neuromuskuläre Regulationstherapie bei Erkrankungen des Bewegungsapparates und funktionellen Symptomkomplexen

von K. Mosetter
1. Kasuistik: Zerrungsschmerz beim Tennismatch
Im Februar 1998 stellte sich in unserer Praxis Herr Jürgen P. (38 J.) vor. Der Grund für seinen Besuch war ein ausgeprägter stechender Schmerz in der linken Wadenmuskulatur, ausstrahlend über die gesamte Ischiocuralmuskulatur. Für die Myoreflextherapie interessant und aufschlußreich bei Herrn P. ist der folgende Sachverhalt: Auf die Frage, wann bzw. bei welcher Tätigkeit dieser Schmerz zum ersten mal auftrat, antwortete Herr P., daß dies beim Tennisspielen gewesen sei. Auf die Bitte hin, diesen Schmerzmoment noch genauer auszumachen, sagte Herr P., daß dies direkt nach dem Ausführen eines Aufschlags, ausgeführt mit der rechten oberen Extremität, gewesen sei. Der Schmerz habe plötzlich und stechend eingesetzt. Über den Zeitraum von 48 Stunden hat sich die Intensität des Schmerzes stetig erhöht - bis hin zur völligen Unfähigkeit, die linke Extremität auch nur leicht zu belasten.
Herrn P.s Fall stellt sozusagen ein Musterbeispiel dar, an dem die Grundlagen und die Vorgehensweise der Myoreflextherapie deutlich werden.
Grundlegend für die Myoreflextherapie ist die Physik des Bewegungsapparates. Jeder Muskel läßt sich mit einem Kraftvektor vergleichen, wobei vor allem die jeweiligen Richtungen der Kräfte zu berücksichtigen sind. Bezieht man sämtliche Anteile des Bewegungsapparates (wie Knochen, Knorpel, Muskeln und Gelenkbänder) in die Betrachtung ein, so zeigt es sich, daß der lebendige Organismus im Sinne eines komplexen Vektorsystems betrachtet und auch behandelt werden kann.
Der biologische Organismus ist in mechanischer Hinsicht so gebaut, daß er den Kraftgesetzen reibungslos, ökonomisch und zugleich ästhetisch folgen kann. Jeder Verstoß gegen diese spezifische Balance zieht entsprechende Schädigungen oder Störungen nach sich. Die Myoreflextherapie versucht, die ursprüngliche Ausgewogenheit der Kräftewirkungen wiederherzustellen.
Ausgangspunkt ist die Biomechanik, die Muskulatur in Aktion - bei Herrn P. das Ausführen eines Aufschlags beim Tennisspiel. An dieser Aktion sind zwei Komponenten zu beachten. Betrachtet man den Arm, so verlangt der aktive Schenkel der Bewegung mit dem Mm. pectoralis, dem M. biceps brachii und den Flexoren des Unterarmes die Entspannung des M. triceps brachii als Teil des passiven (antagonistischen) Schenkels. Im Fall von Herrn P. war es in der Tat so, daß eine Druckpunktstimulation des M. triceps brachii am Tuberculum infraglenoidale ein sofortiges, spontanes Lösen des Schmerzgeschehens in der Wadenmuskulatur des Patienten erbrachte. Wir erklären dies durch die Verkettung der beim Aufschlag beteiligten Muskeln.
Herr P. ist Rechtshänder und schlägt mit der rechten Hand auf. Der Schmerz saß in der Wadenmuskulatur links. Von diesem Bild her konnten die beiden folgenden Muskel-Ketten wie folgt beschrieben werden; sie stellten im vorliegenden Fall das vordringliche Thema der Behandlung dar:
Erstens, die Kette der Synergisten: M. biceps brachii - M. pectoralis major et minor - M. obliquus externus abdominis - M. rectus femoris (contralateralis) - M. tibialis anterior (contralateralis).
Zweitens, die Antagonistenkette: M. triceps brachii - M. latissimus dorsi - M. iliocostalis - M. glutaeus maximus (contralateralis) - M. biceps femoris (contralateralis) - M. gastrocnemius (contralateralis) - M. soleus (contralateralis).
Behandlungsverlauf und Ergebnis: Bereits eine Druckpunktstimulation und Behandlung des M. triceps brachii bringt bereits nach wenigen Sekunden hundertprozentige Schmerzfreiheit. Für einen anhaltenden Erfolg ist es jedoch sinnvoll, jeweils die kompletten Muskelketten zu behandeln.
In der zweiten (jeweils 20 minütigen) Behandlungssitzung wurde außerdem ein entsprechendes Training diskutiert. Dies gestaltet sich bei Herrn P. so, daß er fortan versucht, die gesamten Muskelketten zu trainieren. Über zusätzliche Aktivität aus Dehnungspositionen heraus schafft man die Grundlagen, bei größtmöglicher Bewegungsamplitude alle Faseranteile eines Muskels zu aktivieren und zugleich in einem ausgewogenen Wechselspiel zu entspannen.
Herr P. war bereits zwei Tage nach der Behandlung wieder in der Lage, Tennis zu spielen. Er ist auch drei Jahre nach diesem Vorfall völlig schmerzfrei.

Speziell im Leistungssport bietet die Myoreflextherapie mit der Berücksichtigung vom Muskel-Funktions-Ketten sehr lohnende und effiziente Behandlungsmöglichkeiten; zum einen im Training zur Leistungsmaximierung bei gleichzeitiger Verletzungsprophylaxe, zum anderen bei der Therapie. Hintergrund der Myoreflextherapie ist die Biomechanik - also die Physik und Anatomie des Bewegungsapparates. Vor diesem Hintergrund lassen sich - wie im Fall von Herrn P. deutlich wurde - genaue Behandlungs- und Trainingspläne erstellen.

2. Grundlagen der Myoreflextherapie
Über das Studium und eine Auseinandersetzung mit den Akupunktursystemen, welche über enorm lange Beobachtungszeiträume auf phänomenologischer und empirischer Basis immer wieder dieselben Punkte am Körper beschreiben, war festzustellen, daß diese Punkte direkt mit Muskelansätzen korrelieren. Exakt diese Punkte sind als Myofasciale Maximalpunkte oder Triggerpunkte in der Neuraltherapie bekannt. Erste Hintergründe in der Hochschulmedizin sind beschrieben in den Reflexzonen nach Head. Über Muskelansätze wurden Behandlungszonen wieder entdeckt, die in den Medizinsystemen aller Kulturkreise als bedeutsame Zonen in deskriptiver Art und Weise schon lange bekannt sind.
Bei der Myoreflextherapie werden in erster Linie Muskelansätze in kinetischen Ketten behandelt. An diesen Stellen werden Berührungsreize verstärkt wahrgenommen; bei leichter Druckerhöhung werden sie oft als sehr schmerzhaft mit "referred pain" an entfernten Stellen empfunden. An diesen Stellen finden sich bei der Palpation häufig schmerzhafte Verhärtungen, Myogelosen und bindegewebige Aufquellungen. An den entsprechenden Muskeln ist ein Hypertonus festzustellen. Bei Druckpunktstimulation auf derartige Stellen lösen sich die tastbaren Veränderungen nach einer gewissen Zeit (Sekunden bis wenige Minuten) auf. Der Tonus der entsprechenden Muskeln sinkt plötzlich und sehr deutlich ab.
Muskel-induzierte Symmetriestörungen und chronische Fehlbelastungen können vielfältige Symptome bewirken. Sie führen zu Haltungsasymmetrien, Fehlhaltungen, Schmerzzuständen, aber auch zu Auswirkungen im Vegetativum mit Schlafstörungen, Magenbeschwerden, allgemeiner Unruhe und vielem mehr. Für diesen Komplex an Symptomen entstand eine neue Behandlungsmethode: die Myoreflextherapie. Dabei werden nach genauer Palpation und Funktionsanalyse über einen allmählichen manuellen Druckanstieg am Muskel-Sehnen-Knochen-Übergang gezielte muskuläre und bindegewebige Reaktionen ausgelöst. Bei der Myoreflextherapie geht es um die sofortige Lösung der zu hohen Spannung im Muskel und um die unmittelbare Entlastung von Gelenken und Weichteilstrukturen. Umstellungsreize führen zur ursprünglichen Beweglichkeit zurück und veranlassen so die Wiederherstellung einer funktionstüchtigen Biomechanik.

Biomechanik
Dreh- und Angelpunkt des Konzepts der Myoreflextherapie ist die Anatomie in Funktion. Betrachten wir das System der Muskulatur, so können wir in diesem Wirkungsgefüge verschiedene Momente hervorheben.
Zum einen ist auf ein schlingenförmiges Zusammenwirken und eine entsprechend geordnete Zusammenarbeit verschiedener Muskeln (kontrolliert und koordiniert von höheren Abschnitten des ZNS) hinzuweisen. Bei K. Tittel (1994) lesen wir:
Die sich zu gemeinsamem Handeln zusammenschließenden Muskeln wurden als 'Muskelschlingen' bezeichnet, ein Begriff, der inzwischen in Theorie und Praxis breite Anwendung gefunden hat; der Leser soll an ihnen lernen, daß nicht ein einzelner Muskel, mag er noch so kräftig entwickelt sein, sondern nur die innige Verbindung der die Hauptarbeit leistenden, gut aufeinander abgestimmten Muskeln Gewähr für einen reibungslosen, ökonomischen und zugleich ästhetischen Bewegungsablauf geben. Er soll erkennen, daß sich die Wirkung eines Muskels nicht nur auf das unmittelbar von ihm überzogene Gelenk beschränkt. Es wird [...] deshalb nicht so sehr von der Funktion dieses oder jenes Muskels [...] als vielmehr von derjenigen gesprochen, die er im Rahmen eines übergeordneten Systems, der 'Muskelschlinge', ausführt. [...] selbst anscheinend ganz einfache Bewegungen geben bei der Analyse derselben und der Aussage für die Praxis manches Rätsel auf, zumal die Kombinationen von Muskelgruppen sehr vielfältig sind und von Moment zu Moment wechseln .
Nach Tittel läßt sich eine Muskelschlinge beispielsweise beschreiben am Beugesystem der dorsalen unteren Extremität hin zur ventralen Beugemuskulatur des Rumpfes (und zurück) über die Strecker des dorsalen Rumpfes über der Wirbelsäule hin zum ventralen Streckersystem der unteren Extremität. Zum zweiten führt eine Beschreibung der Physik des Bewegungsapparates zu aufschlußreichen Beobachtungen der funktionalen Zusammenhänge. Überlegungen und Modellvorstellungen dazu sind nur über das Verständnis komplexer Vektorsysteme dynamischer und statischer Kräfte bzw. Kraftwirkungen nachvollziehbar. Im Hinblick auf vektorielle Kraftwirkungen und Vektorsysteme auf muskulärer Ebene ist festzustellen, daß sich jeder Muskel mit einem Kraftvektor vergleichen läßt, wobei sowohl Größe als auch Richtung der Kraft in gleicher Weise zu beachten sind. Bezieht man sämtliche Anteile des Bewegungsapparates wie Knochen, Knorpel, Muskeln und Gelenkbänder in die Betrachtung ein, so zeigt es sich, daß der biologische Organismus in biomechanischer Hinsicht so gebaut ist, daß er (den Gesetzen der Physik / der Mechanik folgend) ein spezifisches Kräftegleichgewicht (eine Gesamtharmonie) unterhält, das eine reibungslose, ökonomische und zugleich ästhetische Stütz- und Zielmotorik gewährleistet.
Neben den Muskelschlingen definieren wir den (mit den Schlingen verwandten) Begriff der kinetischen Kette (erstmals beschrieben bei Haase) als (ebenfalls) programmgesteuertes Zusammenspiel komplexer Muskelgruppen innerhalb spezifischer Bewegungsabläufe und Aktivitäten. Basis einer kinetischen Kette sind allgemeingültige mechanische Kraftwirkungen der Physik, nach welchen sich alle anatomischen Strukturen des Bewegungsapparates bezüglich Entstehung und Wirkung richten. Die entsprechenden Bewegungsprogramme entstehen, greifen zurück und wirken über diese Gesetzmäßigkeiten.
Auch im menschlichen Organismus gelten die allgemeinen Gesetze der Gravitation und Statik. Jede Kraft breitet sich in ihrer Wirkung geradlinig aus. Eine Kraftwirkung läßt sich niemals auf einen Muskel (von dessen Ursprung zu dessen Ansatz) begrenzen. Vielmehr wirkt sie in kinetischen Ketten und läßt sich entsprechend beschreiben.
Um die kinetische Kette zu veranschaulichen, wollen wir zwei Beispiele anführen: Flexoren der Finger und des Unterarmes über den Epiconylus medialis humeri - M. brachioradialis und M. biceps brachii bis hin zum Processus coracoideus - Mm. pectoralis minor et major - M. obliquus externus (kontralateral). An der knöchernen Struktur der spina iliaca anterior superior sind - abhängig vom Bewegungsmoment - unterschiedliche Fortführungen derselben Kette möglich (die nun jedoch nicht nach dem Prinzip der Muskelschlinge zum Beugersystem der unteren Extremität führen):
- M. quadriceps femoris - M. tibialis anterior bis hin zu den Extensoren der Zehen.
- in geradliniger Fortsetzung der oben beschriebenen Faseranteile läßt sich eine imaginäre Fortsetzung der Linie in spiraliger Umschlingung der Kegelstruktur der unteren Extremität beschreiben. Diese Linie führt über Faseranteile des M. tensor fasciae latae über Anteile des M. gluteus maximus am lateral dorsalen Femor und weiter über Anteile der Ischocrural Muskulatur zu Strukturen des M. adductor longus, M. semimembranosus und semitendinosus am pes anserinus. Von dort führt diese Linie weiter über Muskelanteile des M. tibialis anterior zu Muskelbereichen der Mm. gastrogenemii, der Mm. soleii und weiter hin zu den Extensoren der Zehen.
Zudem können knöcherne Strukturen quasi in diese Muskelketten eingeschaltet sein und sowohl bei der Übersetzung als auch bei der Um- und Weiterleitung der Kräfte als Drehscheiben und Weichen fungieren. Bei der oben genannten Kette sind bereits am Prozessus coracoideus mehrere Weichenstellungen möglich; Fortführungen der kinetischen Ketten von der Struktur der Scapula sind zudem möglich
- über den Angulus superior medialis der Scapula mit dem M. levator scapulae in die dorsale HWS
- über das tuberculum glenoidale mit dem M. triceps brachii, dem epicondylus lateralis humeri hin zu den Extensoren des Unterarmes
- über den medialen Scapulainnenrand mit dem M. serratus anterior über das System des contraleteralen M. obliquus externus zu der bereits genannten Fortführung (spina iliaca anterior superior)
Zusammenfassend können wir feststellen: Entscheidend für die kinetische Kette sind nicht einzeln definierte Muskeln, sondern die geradlinige Verlängerung entsprechend aktivierter Muskelfaseranteile. So ergibt jede Zacke des M. serratus anterior in ihrer Fortsetzung eine eigene Linie und spezifische Ausrichtung.
Bei jeder Aktivität gibt es Muskelgruppen, welche synergistisch arbeiten und solche, welche antagonistisch zusammenspielen. Je nach Bewegungsmoment gibt es in diesem System Funktionsumkehr und fließende Übergänge. Die Aktivierung einer Kette ist stets verbunden mit entsprechenden Wechselwirkungen vor allem antogonisierender Ketten.

Wichtige Aspekte in diesem Zusammenhang sind z.B. biologische Stoßdämpfungssysteme und die Wirkung von Beschleunigungs-, Brems- und Reibungskräften im Körper. Basis dieser Vorgänge ist das Zusammenspiel der knöchernen und muskulären Strukturen, ohne daß dabei Einzelelemente geschädigt oder zerstört werden. Weiterhin geht es um eine exakte Zentrierung und Führung von Gelenken über ein Zuggurtungssystem (auf ein Gelenk wirkende Zug- und Druckkräfte) , welches auch bei der Wirkung großer Kräfte reibungslos und ohne Über- oder Fehlbelastung in den Gelenken funktioniert. Jeder Verstoß gegen das je eigene spezifische Kräftegleichgewicht (gegen die biomechanische Balance) zieht entsprechende Schädigungen oder Störungen und damit Schmerzen nach sich.
Hinsichtlich der Biomechanik sind zwei Grundstrukturen zu unterscheiden; ein statische (Knochen und Gelenke) und eine dynamische (Muskeln, Sehnen, Bänder). Aus der Sicht der Myoreflextherapie ist es vor allem die dynamische Seite, welche zu beachten und zu behandeln ist. Diese Dynamik ist jedoch in ihrer Vernetzung viel komplexer und vielschichtiger als bisher angenommen; der Muskel in Funktion ist eine sehr komplexe Einheit, welche sich durch eine eindimensionale Betrachtungsweise nur unzureichend erfassen läßt. Bei einem gesunden Gelenk besteht faktisch ein Kräftegleichgewicht. Dieses Gleichgewicht wird nachhaltig gestört, wenn auch nur eine Vektorkomponente ihren fest definierten Wert verändert. Aus der aktuellen Biomechanik-Diskussion sei folgendes Beispiel angeführt.
Äußere Biomechanik versagt schon vor der Frage, welche Belastungen eigentlich im Körper auftreten - für Wolfgang Baumann ein "Schlüsselproblem der Sport-Biomechanik". Unter dem Stichwort "innere Biomechanik" bemühen sich die Bewegungskundler darum seit längerem um eine lebensnähere Analyse. Sie versuchen, die Kräfte in Gelenken und Knochen hochzurechnen, indem sie als einfachste biologische Parameter die Hebelarme der Muskeln berücksichtigen.
Wenn der Mensch etwa auf den Zehenspitzen eines Fußes steht, lastet immer noch das ganze Körpergewicht auf dem angehobenen Fußgelenk, erläutert Baumann. Der Hebelarm beträgt in dieser Stellung etwa zwölf Zentimeter. Eine Gegenkraft können nur die Wadenmuskeln aufbringen, die über die Achillessehne am Fersenbein ziehen. Ihr Hebelarm zum Fußgelenk beträgt jedoch nur etwa vier Zentimeter. Folglich muß schon die Muskelkraft in der Wade dreimal so groß sein wie die gesamte Gewichtskraft. Und im Gelenk addieren sich beide, so daß es mit dem vierfachen Gewicht des Menschen belastet wird.
Im Hinblick auf eine Biomechanik, die innere Vorgänge und Gesetzlichkeiten in vollem Umfang berücksichtigen will, scheint dieser Ansatz aus der Sicht der Myoreflextherapie auf halbem Wege stehen zu bleiben. Wenn innere Bewegungsvorgänge verstanden werden sollen, dann kann es nicht genügen, ein punktuelles, stark begrenztes Beobachten und Beschreiben zu betreiben. Der Gesamtzusammenhang, in dem der einzelne Funktionszusammenhang eingebettet ist, muß mit in die Überlegungen einbezogen werden. Bei dem vorliegenden Beispiel heißt das: Nicht nur ein Muskel (die Wade) ist von einem Geschehnis betroffen, sondern alle direkt und indirekt mit diesem Muskel zusammenhängenden Muskeln sind ebenfalls mit in das Geschehen integriert. Zum Tragen kommt ein ganze Muskelkette, eine Agonisten- und Antagonistenkette tritt in Aktion und ist bei der Funktion der Wade beteiligt.
Bei Berechnungen, welche versuchen aus einem Gesamtsystem eine Einzelkomponente isoliert zu betrachten und aus einem lebendigen Gesamtgefüge herauszunehmen, werden Kraftwirkungen im Gelenk ermittelt, welche so in der Realität das jeweilige Gelenk fehlbelasten und zerstören müßten. Erst über die Berücksichtigung vieler Einzel-Kräfte-Parallelogramme, basierend auf der gesamten Synergistenkette und Antagonistenkette, läßt sich eine adäquate Annäherung an die tatsächlich wirkenden Kräfte im Gelenk erreichen. Aufgrund des Zusammenspiels vieler Muskeln sind diese Kräfte weit geringer als bisher angenommen - und nur so kann eine unter allen physiologischen Belastungen gleichbleibend zentrierte Gelenkeinheit reibungslos funktionieren.
Die Vorgehensweise, Kraftwirkungen anhand eines Muskels an einem Gelenk zu ermitteln, entstammt aus einer direkten Übersetzung der klassischen Physik in die Anatomie. Dieser Ansatz ist sinnvoll, jedoch - hinsichtlich einer Gesamtstatik und dem Zusammenwirken mehrerer Kräfte - nicht konsequent weitergeführt. Nicht Rechnung getragen wird dabei außerdem den Erkenntnissen der Neurophysiologie und ihren Erklärungen komplexer Steuer- und Bewegungsprogramme. Ohne die Programmierung und Verschaltung der einzelnen Muskelaktivitäten zu kinetischen Ketten (Haase; Bergsmann) sind weder Komplexbewegungen noch Einzelbewegungen denkbar. Jede Einzelbewegung ist verbunden mit Komplexbewegungen - nicht nur neurophysiologisch, sondern auch in einer Biomechanik, welche Vektor-Netze berücksichtigt.
Das koordinierte Zusammenarbeiten und die physikalischen Wechselwirkungen (Vektor-Netze) der verschiedenen Muskeln in einem Muskel-System sind die Kernpunkte, auf denen das Konzept der Myoreflextherapie aufbaut. Ausstrahlende und wandernde Schmerzen werden so erklärbar und einer effektiven Behandlung zugänglich.
In der Disziplin der Anatomie ist das Muskelsystem des Menschen in exakter Art und Weise beschrieben. Die Ursprünge und Ansätze der Muskeln, ihr Verlauf und ihre Innervation sind genauso beschrieben wie ihre Funktion im jeweiligen Gelenk. Weiterreichende Vorstellungen über Funktion und Zusammenspiel des Muskelsystems werden über die Anatomie in Bewegung deutlich. In Bewegung - das geht insbesondere über die mechanische Vorstellung von Fortbewegung hinaus und meint die über das Zentralnervensystem gesteuerten bewußten und unbewußten Bewegungsprozesse. Im Leben geht es um vielfältige Bewegungsmuster, in denen jeder Muskel als Beteiligter in einem großen Spiel fungiert, ähnlich einer Geige in einem Sinfonieorchester. Wie vielfältig sich der Mensch bewegen kann, zu welchen Feinabstimmungen er in der Lage ist, zeigt sich z.B. beim Sprechen, Schreiben, Tanzen, Balancieren ...

Neurophysiologie
Im Hinblick auf die Koordination der verschiedenen Muskelaktivitäten zu einer Zusammenarbeit in Muskelschlingen und weiter zu komplexen Bewegungen und Bewegungsabläufen ist es angebracht, einen Blick auf die nervöse Kontrolle von Haltung und Bewegung zu werfen. Weitere Gesetzmäßigkeiten und die konkreten Ansatzpunkte, auf denen die Myoreflextherapie aufbaut, werden deutlich. Grundsätzlich können wir mit Birbaumer und Schmidt feststellen:
Ein Reflex ist eine unwillkürliche, stereotyp (immer gleich) ablaufende Reaktion auf einen spezifischen Reiz; Bewegungsfolgen, die ohne das Zutun äußerer Reize unterhalten werden, sind programmgesteuert. [...] Die Reflextheorie der Bewegung mündet im psychologischen Bereich in die verschiedenen Formen der Reiz-Reaktions-Theorien des Verhaltens, während die Programm-Theorie denjenigen Unterstützung gibt, die das reizunabhängige (spontane, freiwillige, willkürliche) Handeln des Menschen betonen. Mit einem Beharren auf oder Überbetonen der einen oder anderen Theorie ist aber wenig gedient. Vielmehr erscheint eine Kombination der beiden Theorien, nämlich die Annahme zentraler Programme, die über sensorische Meldungen (Reize) beeinflußt werden können, am ehesten geeignet, den gegenwärtig bekannten Befunden einen konzeptuellen Rahmen zu geben und gleichzeitig den weg für weitere Experimente freizuhalten. (Birbaumer u. Schmidt, 1996, a.a.O., S. 252)
"Die vertikale Vernetzung des Gesamtnervensystems ist mit einigen Einschränkungen hierarchisch gegliedert." (Bergsmann u. Bergsmann, 1997, a.a.O., S. 73)
Der Spinalmotorik wird die motorische Kontrolle der supraspinale Zentren als höhere Motorik gegenübergestellt. Während die Stützmotorik und ihre Koordination mit der Zielmotorik vorwiegend über Strukturen des Hirnstamms kontrolliert wird, ist für die Durchführung zielgerichteter Bewegungen eine Beteiligung höherer Zentren erforderlich. [...] die in den subkortikalen Motivationsarealen und im assoziativen Kortex entstehenden Handlungsantriebe und Bewegungsentwürfe [werden] anschließend in Bewegungsprogramme umgesetzt. An deren Ausarbeitung sind die Basalganglien und das Kleinhirn beteiligt, die beide über thalamische Kerne auf den motorischen Kortex einwirken. Dieser übernimmt zusammen mit den tiefergelegenen motorischen Strukturen in Hirnstamm und Rückenmark die Bewegungsausführung. (Birbaumer u. Schmidt, 1996, a.a.O., S. 253f)

Die Myoreflextherapie hat aufgrund der in der täglichen Praxis zu beobachtenden Phänomene den Anspruch, nicht allein auf einer peripheren Ebene der Reflexe zu arbeiten. Mit Sicherheit verdankt sie ihre Erfolge vielmehr der Tatsache, daß diese Peripherie gleichsam den Zugang zu zentralen und höheren Instanzen der Motorik und zudem der Informationsverarbeitung allgemein (und so letztendlich den Zugang zum Gesamtorganismus Mensch) darstellt. Es würde jedoch den Rahmen dieser Arbeit sprengen, die vertikale Vernetzungen (die hierarchische Struktur) des Gesamtnervensystems auf all seinen Ebenen und Details darstellen zu wollen. Die Peripherie ist in unserer Darstellung insofern von besonderer Bedeutung, als sie mit ihren Sensoren der Motorik den direkten Ansatzpunkt der Myoreflextherapie darstellt. Sie ist gleichsam das Ohr, über das der Therapeut versucht, einen therapeutischen Dialog mit den informationsverarbeitenden Instanzen des Organismus anzutippen. Gleichzeitig bietet sie mit ihrer zusätzlichen Rolle als Erfolgsorgan auch die Möglichkeit der Kontrolle und Registrierung (Palpation) der Veränderung.
Für Haltung und Bewegung sind die spinalmotorischen Systeme, bildlich gesprochen die Grundlage, auf welcher die Großhirnrinde wie auf einem Klavier die verwickeltsten Melodien spielt . Jeder Muskel besitzt [...] zwei Rückkopplungs-(feedback-)systeme (Regelkreise [mit erregenden und hemmenden Verschaltungen]): ein Längenkontrollsystem mit den Muskelspindeln als Fühlern und ein Spannungskontrollsystem mit den Sehnenorganen als Fühlern. Das Längenkontrollsystem beschränkt sich dabei in seinen Auswirkungen im wesentlichen auf den eigenen Muskel und seinen Antagonisten, während durch das Spannungskontrollsystem der Ib-Afferenzen der muskuläre Tonus der gesamten Extremität mitgesteuert wird. (Birbaumer u. Schmidt, 1996, a.a.O., S. 260)
Motorik und Muskeltonus werden über Alpha-Motoneurone, Interneurone und gleichzeitig über Gamma-Motoneuronen und absteigende spinale Bahnen (Alpha-Gamma-Kopplung) geregelt. Bei dieser Erregung sind Kerngebiete und Bahnen des Hirnstammes insofern von übergeordneter Bedeutung, als die vestibulo-, retikulo- und rubrospinalen Leitungsbahnen Kontakte zu weiteren Reflexzentren ermöglichen. Die Strukturen der Basalganglien, der Formatio reticularis und des Kleinhirns führen und steuern den Muskeltonus mit ihren zentralen Efferenzen unter ständiger Berücksichtigung aller entsprechenden Afferenzen.
Eine Grundannahme der Myoreflextherapie lautet: Druckpunktstimulationen stellen für den Organismus simulierte Bewegungen dar. Wie geht das genau vor sich - und wie sind die spontanen Relaxationen der behandelten Muskelbereiche zu erklären ?
Physikalisch ausgedrückt, sind die Sehnen und Sehnenorgane mit den Muskelfaserbündeln in Serie (hintereinander) geschaltet. Die Sehnenorgane werden aktiviert, wenn ein Muskel sich kontrahiert, weil der Muskel dann an den Sehnen zieht und die Sehnenorgane infolgedessen komprimiert werden. Wird der Muskel durch passiven Zug gestreckt (wie das der Fall ist, wenn sich der jeweils antagonistische Muskel kontrahiert), werden die Sehnenorgane ebenfalls aktiviert. Ein Sehnenorgan hat jedoch eine relativ hohe Entladungsschwelle und wird durch die mäßige Ruhespannung eines Muskels nicht angeregt. Folglich bewirkt nur eine ziemlich schnelle Änderung in der Muskelspannung - eine Kontraktion oder eine Erschlaffung - einen Aktivitätsausbruch in den afferenten Fasern des Sehnenorgans.
Im Behandlungsablauf wird über die Druckpunktstimulation auf der Ebene der Rezeptorenfelder eine Bewegung simuliert, indem die Golgi-Sehnenorgane und ebenso die Muskelspindeln direkt stimuliert werden.
Augenfällig ist der lokale Zusammenhang zwischen den beschriebenen Behandlungspunkten und den Sensoren der Motorik. Muskelspindeln und Golgi-Sehnenorgane sind besonders an den Regionen der Muskelursprünge und Ansätze sehr zahlreich.
Die Myoreflextherapie bedient sich der folgenden spinalen Hemmungs- (und Relaxations-) Mechanismen.
1. die reziproke antagonistische Hemmung: Über die Reizung der Muskelspindeln werden die den Muskeln innewohnenden Ia-Fasern aktiviert. Über Zwischenneurone und hemmende Synapsen werden zudem (disynaptische hemmende) Verbindungen zu den antagonistischen Motoneuronen gebildet und so die jeweiligen Antagonisten relaxiert. Der Begriff der reziproken antagonistischen Hemmung "beinhaltet, daß die Motoneurone antagonistischer Muskeln (z.B. Beuge- und Streckmuskeln am selben Gelenk) wechselseitig über diesen Reflexbogen gehemmt werden können" (Birbaumer u. Schmidt, 1996, a.a.O., S. 259).
2. die autogene Hemmung: Die "segmentale Verschaltung der Ib-Fasern [ist] spiegelbildlich der der Ia-Fasern" (ebd.). Über die Reizung bzw. Druckpunktstimulation der Sehnenspindeln werden Ib-Fasern aktiviert, welche über spinale Zwischenneurone das homonyme Motoneuron eines Muskels und damit diesen selbst hemmen und relaxieren. Aktive Kontraktion und (therapeutisch) simulierte aktive Kontraktion führen zur Erregung der Sehnenspindeln und der Ib-Fasern; über Zwischenneurone kommt es zur Relaxation des Muskels. Entscheidend ist also ein Rückkopplungsmechanismus, über welchen erregte Ib-Afferenzen mit den Sehnenspindeln dem homonymen Alpha-Motoneuron entgegen wirken. Dies bedeutet, daß bei jeder zu großen und zu starken (oder ziemlich schnellen) Belastung automatisch eine Spannungsveränderung und Relaxation eintritt. Nach Netter ist die "eigentliche Aufgabe dieser 'kräfteempfindlichen' Rückkopplung noch nicht völlig geklärt." Für die Myoreflextherapie stellt dieser Rückkopplungsmechanismus jedoch den entscheidenden Schalthebel im Behandlungsmodell dar.
3. die rekurrente Hemmung / Renshaw-Hemmung: Renshaw-Zellen sind hemmende Interneuronen (entdeckt und beschrieben von B. Renshaw), welche die Aktivität der motorischen Zelle durch eine Rückkopplungshemmung (negative Rückkopplung) bremsen bzw. hemmen. Unter anderem läßt sich die Bedeutung dieses Hemmungsmechanismus als eine Art Sicherung (ähnlich einer elektrischen) beschreiben: bevor ein Muskel zu sehr überbeansprucht und so nachhaltig geschädigt wird, erlahmt er und wird auf diese Weise geschützt.
Hinsichtlich Erregung und Hemmung ist die Verschaltung von den Muskelspindeln her spiegelbildlich der Verschaltung von den Sehnenspindeln her. Daß jeweils die hemmenden Reaktionen therapeutisch zu erreichen und zu beobachten sind, liegt daran, daß durch gezielte Druckpunktstimulation der Peripherie der Bewegungskontrolle Stimuli dargeboten werden, die realiter (als nicht simulierte) über der Leistungs- und Funktionskapazität des Organismus (des Systems des Bewegungsapparates) liegen. So werden neben der reziproken antagonistischen auch die autogenen und die rekurrenten Hemmungsmechanismen bereitgestellt und aktiviert.

Die durch Druckpunktstimulation ausgelösten Regulationsgeschehnisse, die spontane Relaxation von Muskeln und (nach spezifischen Linien oder Ketten organisierten) Muskel-Gruppen und die entsprechenden Wege der Informationsverarbeitung sind auf der periphersten Stufe über den Axonreflex, über die metamere Organisation mit der segmentalen Gliederung des Rückenmarks und des Grenzstranges und den segmental regulatorischen Reflex zu erklären.
Die vertikale Informationsvernetzung mit ihrer Koordinationsleistung kann in unterschiedliche Organisationsstufen gegliedert werden; von der peripher-spinalen Organisationsebene über die rhombo-spinale Stufe bis hin zur rhombo-mesencephalen Stufe. Leitsystem der rhombo-spinalen Organisationsstufe ist die Formatio reticularis. Über die Formatio reticularis und Schaltungen zu Strukturen des Kleinhirns wird der Tonus der Muskulatur geregelt, d.h. auf den Bedarf verschiedenster Funktionen abgestimmt. Auf dieser Ebene sind Schaltsysteme für kinetische Ketten programmiert und abgespeichert. Aus einem Interneuronen-Pool werden Komplex-Bewegungen gesteuert, angelegt und durchgeführt. Jede Bewegung und jeder Griff dient sozusagen als Training und Programmierung von Komplex-Bewegungen, welche ganze Ketten von Muskelelementen (von den Akren bis über die ganze Wirbelsäule) anlegen und bei Bedarf aktivieren.
Verschiedene elektromyographische Studien zeigten, daß auch bei Durchführung von einfachen Komplexbewegungen (z.B. Armbeugen, Beinstrecken etc.) stets die Frequenz der Muskelpotentiale der gesamten Kette erhöht wird. Dies auch in scheinbar nicht beteiligten Muskeln. Ohne auf Details der Bewegungsphysiologie eingehen zu können, sei hier nur erwähnt, daß die Komplexverschaltung wesentlich weiter reicht, als vordergründig feststellbar ist. So wird z.B. die Aktivität von Oberschenkel- und Unterarmmuskulatur durch die Atembewegung 'mitgenommen' (Bergsmann u. Bergsmann, 1997, a.a.O. S. 85).
Alpha- und Gamma-Motorik regeln den Tonus der Muskulatur über solche Programme. Über supraspinale Zentren erfolgt die gammamotorische Regulation der Muskelspindeln durch die Vorderhornzellen des Rückenmarks.
Die Muskelspindeln sind Längenfühler in der Muskulatur und haben zwei Funktionen:
1. Sie dienen der Alpha-Motorik als Servosystem, indem jeder Alpha-Aktion Gamma-Impulse um Millisekunden vorauslaufen, wodurch die Spindeln verkürzt werden. Dies bedeutet Facilitation der Alpha-Motorik.
2. Über die Spindelaktivität wird die Haltung und Stellung im Raum peripher-automatisch geregelt und gegebenenfalls korrigiert.
Die Signale der Spindelapparates erreichen über Ia-Afferenzen via Hinterhorn die kleinen, tonischen Motoneuronen des Vorderhornes. Auf diese werden aber über Zwischenneurone auch heterogene Signale aus dem Segment (Viscera, Cutis etc.) geschaltet, wodurch die tonische Aktivität erhöht wird. (ebd.)

Ein weiteres wichtiges Moment ist (neben der peripheren Regulation der Muskelspannung und Muskellänge), daß durch die Druckpunktstimulation zu hohe Istwert-Spannungen des Muskels bewußt gemacht, fokussiert und reguliert werden. Aufgrund der höheren Bewegungsprogramme und Informationsmuster, welche sich nach den anatomischen und kinetischen Gesetzmäßigkeiten richten und so eine ökonomische und reibungslose Funktionalität der Muskulatur ermöglichen, kann es bei (therapeutisch provozierten) Meldungen aus der Peripherie zu einer Angleichung von Istwert und Sollwert der Spannung (Tonus) und der Länge (spürbar durch anschließenden Muskelkater) der betreffenden Muskeln kommen; ein zu hoher Grundtonus kann reduziert werden.
In der vertikalen Hierarchie der Vernetzung sind weiterhin die Strukturen des Hypothalamus sowie die Strukturen des limbischen Systems mitgeschaltet. Diese betreffen die Ausrichtung von Trieben im weitesten Sinne und Verhaltensstrategien. Der Motorkortex, welcher auf der Oberfläche der Hirnrinde lokalisiert ist, ist ein weiterer wichtiger Integrationsbestandteil. Höchste Organisationsstufe ist die assoziative Großhirnrinde des Neokortex.
Die Basalganglien setzen den Bewegungsplan aus dem assoziativen Kortex in ein Bewegungsprogramm, also in ein zeitlich und räumlich organisiertes Impulsmuster um. Die Basalganglien sind ein wichtiges subkortikales Bindeglied zwischen der assoziativen Großhirnrinde und dem motorischen Kortex. [...] Die Aufgaben der Basalganglien liegen in der Mitwirkung bei der Umsetzung der im assoziativen Kortex entstehenden Bewegungsplanung in Bewegungsprogramme, also in der Ausarbeitung zeitlich-räumlicher nervöser Impulsmuster, die die ausführenden motorischen Zentren steuern.
Zusammenfassend können wir mit Bergsmann u. Bergsmann feststellen: Auf der neokortikalen Organisationsstufe
kommt es zur Vernetzung der kritisch-intellektuellen Beurteilung der Umwelt mit den aus der Subkortex aufsteigenden Trieben, Stimmungen und Verhaltensmustern. Die Integration von Sinnesrezeption und Lokomotion ermöglicht gezielte Bewegungen. Aber auch Projektionszonen vegetativer Organe sind vorhanden, wodurch eine Modifikation des Bewußtseins durch vegetative Afferenzen erfolgt. Die psychischen Phänomene bei somatischen Krankheiten (Gereiztheit, Depression etc.) entstehen hier, und es soll in diesem Zusammenhang daran erinnert werden, daß es nicht nur psychosomatische, sondern auch somatopsychische Reaktionen gibt. (Bergsmann u. Bergsmann, 1997, a.a.O., S. 74)

"Schmerz"
Die Bewußtwerdung eines Verstoßes gegen eine intakte Biomechanik ist der Schmerz. D.h. Schmerz wird als Ausdruck einer gestörten Bewegungsgeometrie verstanden. Schmerz hat eine wichtige Signal- und Warnfunktion, um irreversible, degenerative Selbstschädigungen des Organismus zu vermeiden. Schmerz ist somit in vielen Fällen als Leistung des ZNS zu verstehen. Die eingehende Betrachtung und Differenzierung von Schmerz und seiner Entstehung ist grundlegend für das tiefere Verständnis der Myoreflextherapie.
Über eine konsequente Behandlung verliert der Schmerz als Signal für Funktionsstörung seine Notwendigkeit und verschwindet deshalb. Es entstehen neue Bewegungsspielräume und letztendlich ausbalancierte Belastungsverhältnisse mit wiedergefundener Gesundheit. Über Reflexe und Bewegungen entfaltet sich eine harmonische Integration der verschiedenen auf den Patienten einwirkenden Reize (Sinneswahrnehmungen, Muskel- und Nervenleistungen).

Zusammenfassendes Beispiel
Unterschiedliche Herangehensweisen liefern ein analoges System von Behandlungspunkten. Über die Kombination von Erfahrungsmedizin (d.h. Modellen der Traditionellen Chinesischen Medizin und der Tibetischen Medizin, welche insbesondere diagonale Körperachsen betonen (vgl. den Fall von Herr P.)), mit Kenntnissen aus der modernen Physik und mit der Lehre der Anatomie in Funktion leitet sich ein exaktes Konzept von Behandlungspunkten ab. So können z.B. bei Rückenbeschwerden folgende Zuggurtungssysteme mit Agonisten- und Antagonistenketten behandelt werden:

  • Die ventrale Achse der Muskelschlinge kann in der Diagonale über folgende Kette beschrieben werden: M. biceps brachii, M. pectoralis minor, M. pectoralis maior, M. obliquus externus, M. tensor fasciae latae.
  • Die dorsale Achse ist in diesem Falle repräsentiert über: M. triceps brachii, M. trapezius, M. latissimus dorsi, M. glutaeus der kontralateralen Seite bis hin zum M. biceps femoris, M. soleus und Mm. gastrognemii.
  • Entscheidend sind in jedem Falle auch direkte Verbindungen von Schmerzsyndromen dorsal über einzelne Muskeln mit den entsprechenden Behandlungspunkten ventral.
  • So werden z.B. bei Nacken- und HWS-Beschwerden Punkte ventral am Sternum der Clavicula und der ersten und zweiten Rippe behandelt. Diese Punkte erklären sich über den Verlauf der Mm. sternocleidomastoidei und Mm. scalenii.
  • Bei einem Bandscheibenvorfall im Bereich der unteren LWS werden ebenfalls bestimmte Muskelansätze am Beckenkamm vorne behandelt. In diesem Falle erklärt der Verlauf des M. iliopsoas diese Zusammenhänge.

3. Die untere Extremität als Beispiel
Betrachtet man die untere Extremität, ist es unverzichtbar, die Anatomie des Beckens und der Lendenwirbelsäule zu kennen. Behandelt man beispielsweise Beschwerden des Hüftgelenkes, müssen unbedingt die Muskelzüge mit einbezogen werden, welche für das Becken, aber auch für die untere Extremität von großer Bedeutung sind. Insbesondere haben der M. iliacus - iliopsoas, die Mm. glutaei, der M. adductor longus et magnus, der M. tensor fascia latae und die gesamte ischiocrurale Muskulatur ein vorrangige Bedeutung. Diese Muskelzüge sind nicht nur für die Funktion des Hüftgelenkes hauptverantwortlich, sondern sie sind im selben Maße auch für die Steuerung und Bewegungsgeometrie des Kniegelenkes entscheidend.
In einem vereinfachten Modell (siehe Abbildung) erkennt man, welche vier Muskelketten für den Oberschenkel und das Kniegelenk als Kraftvektoren die wichtigste Rolle spielen. Der ventrale Vektor wird durch den M. rectus femoris und den M. tibialis anterior gebildet, der laterale Vektor durch den M. tensor fasciae latae und den vastus lateralis. Der mediale Vektor ist dargestellt über den M. sartorius und den M. vastus medialis. Der dorsale Vektor wird durch die Mm. biceps femoris, semimembranosus et semitendinosus sowie durch den M. graciles repräsentiert; Funktionsfortsetzungen können über die Mm. gastrognemii und den M. soleus darstellt werden.

Zwischen diesen vier Kraftvektoren bzw. Muskelketten herrscht ein äußerst sensibles Gleichgewicht, das einen reibungslosen, ökonomischen und zugleich ästhetischen Bewegungsablauf garantiert.
Ist auch nur einer dieser Muskelzüge verkürzt oder beeinträchtigt, was zum Beispiel durch eine Verletzung oder falsche Haltung ausgelöst werden kann, ist dieses Gleichgewicht gestört. Dies führt zwangsläufig zu einem gestörten Verhältnis von Agonisten und Antagonisten und damit zu einer arthro-muskulären Dysbalance. Als Folge davon kommt es zu Fehlbelastungen der Meniscen und auch der knöchernen Strukturen des Gelenkes. Bei chronischen Fehlbelastungen resultieren daraus degenerative Veränderungen der Gelenke.
Es ist lediglich eine Frage der Zeit, bis diese veränderten Muskel-Gelenk-Beziehungen Schmerzen auslösen. Spätestens beim Auftreten der ersten Schmerzsignale bietet die Myoreflextherapie einen sehr erfolgversprechenden Lösungsansatz. Über die genaue Lokalisation des Schmerzes werden beteiligte Kraftvektoren erkannt, bis zum Ursprung oder Ansatz verfolgt und entsprechend behandelt. Betrachtet man das dargestellte Modell, wird es schlüssig, daß beispielsweise Verkürzungen des M. vastus medialis zu Innenmeniscusbeschwerden führen oder Verkürzungen des M. vastus lateralis Schmerzen im Bereich des Außenmeniskus verursachen.
Damit wird umgekehrt klar, daß bei bestimmten Knieschmerzen die Behandlung fest definierter Muskelzüge erforderlich ist. Damit ist gewährleistet, daß nicht nur das Symptom Schmerz beseitigt wird, sondern auch dessen Ursache, die Störung der Bewegungsgeometrie, behoben wird.
Auch bei der unteren Extremität geht es wieder um das Zusammenspiel mehrerer Muskeln in gemeinsamer oder antagonistischer Funktion.
So stehen zum Beispiel Beschwerden im Bereich der Patellaspitze in einem engen Zusammenhang mit dem M. rectus femoris und dem M. tibialis anterior (vgl. Abbildung). In funktioneller Fortsetzung dieser Kette sind nach caudal der M. extensor digitorum longus und der M. extensor hallucis longus zu sehen oder nach cranial der M. iliopsoas. Auch Schmerzen am Schienbein, im Bereich des Sprungelenkes und des Fußrückens bis hin zum großen Zehen, können eine Beeinträchtigung dieser Kette signalisieren. Wieder muß bei einer konsequenten Behandlung die gesamte Muskelschlinge durchforscht werden.
Die dieser Kette antagonistisch entgegen wirkende Muskelschlinge wird aus der ischiocruralen Muskulatur, den Mm. gastrocnemii, dem M. soleus, dem M. peroneus longus et brevis, dem M. flexor hallucis longus sowie dem M. flexor digitorum longus gebildet. Auch diese Muskelschlinge darf bei der Behandlung der oben genannten Symptome nicht übersehen werden, auch wenn sie hauptsächlich mit Beschwerden im Bereich der Kniekehle, der Achillessehne oder des Fußgewölbes im Zusammenhang steht.

Über die funktionelle Anatomie der oberen und unteren Extremität wird das Prinzip und die Wirkungsweise der Myoreflextherapie besonders eindrücklich deutlich: Man therapiert nicht lokal im Schmerzgeschehen, sondern behandelt Muskelzüge und Punkte, welche über die menschliche Anatomie und die entsprechenden Gesetze der Physik und der Biomechanik klar abzuleiten sind.

4. Behandlungsstrategie beim Knie
Während der Behandlung kann es vorkommen, daß der Schmerz "wandert". Was bedeutet dies, und welche therapeutischen Konsequenzen hat das zur Folge ? Diese Fragen sollen an einem typischen Beispiel kurz erläutert werden.
Ein Patient klagt über Schmerzen in der Region des Innenmeniskus. Die Behandlung beginnt mit einem Reiz am musculus sartorius (spina iliaca anterior superior).
Es ist möglich, daß der Schmerz sofort verschwindet. Es kann aber auch sein, daß der Schmerz im Inneren des Knies nicht mehr spürbar ist, nun allerdings vorne an der Kniescheibe auftritt. In diesem Fall ist der nächste Behandlungsschritt das Setzen eines Reizes am rectus femoris (spina iliaca anterior inferior).
Wiederum gibt es nun mehrere Möglichkeiten: So kann es passieren, daß der Schmerz immer noch nicht aufhört, sondern eventuell an die Außenseite der Knieregion wandert. Diese würde die Behandlung des musculus tensor fasciae latae erfordern (spina iliaca anterior superior). Nur in den seltensten Fällen wandert der Schmerz noch ein weiteres mal und macht damit weitere Behandlungsschritte notwendig (z.B. Kniekehle ® musculus biceps femoris).

Erklärung: Stück für Stück verkürzen sich über eine einseitige Belastung alle betreffenden Muskeln, allerdings der im Vordergrund stehende mehr als die anderen. Dieser verursacht den ersten Schmerz. Nach der Behandlung hat dieser Muskel seine Bewegungsamplitude erhöht und ist im Vergleich zum benachbarten Muskel relativ zu beweglich. Innerhalb des harmonischen Spiels ist nun ein anderer Muskel am stärksten verkürzt, welcher nun den Schmerz verursacht. Daher schmerzt es plötzlich an einer anderen, gesetzmäßig folgenden Stelle. Nach erneuter Behandlung kann der Schmerz wiederum an einer neuen Stelle auftauchen.
In jedem Falle deutet der Schmerz auf das schwächste Glied in der Kette, das heißt auf den am stärksten verkürzten Muskel hin. Es handelt sich also jedesmal um einen neuen Schmerz mit seinem eigenen spezifischen Verursacher. Es ist unerläßlich, sich über die unterschiedliche Qualität, Intensität und Lokalität ein genaues Bild zu machen. Der Schmerz hat dabei Signalcharakter und weist jedesmal auf die am meisten beeinträchtigte Bewegungsachse hin. Ist das Kräfteverhältnis dieser Achse nach der Behandlung korrigiert, ist das ursprüngliche Signal überflüssig, der zugeordnete Schmerz verschwindet. Erst wenn alle möglicherweise auftretenden Signale richtig gedeutet und der Patient entsprechend behandelt wurde, wird der Patient auf Dauer schmerzfrei sein, da die Bewegungsgeometrie ausgeglichen und das Kräftegleichgewicht in den Bewegungsachsen wiederhergestellt ist.
Bei der Myoreflextherapie ist daher immer die erste Frage, um welche Art und Qualität von Schmerz es sich handelt. Man sollte wissen, wann die Schmerzen auftauchen (in welchem Bewegungsmoment), wo sie sich befinden, wie stark sie sind und welchen Charakter sie haben. Hier ist die Mitwirkung des Patienten erforderlich.
Nach der genauen Schmerzanalyse kann auch ein gezieltes Trainingsprogramm für den Patienten entwickelt werden, da die ursprünglich eingeschränkten und durch die Therapie ausregulierten Muskeln genau bekannt sind.

5. Indikationsliste
Die Indikationsliste umfaßt ein weites Feld und soll ausführlicher vorgestellt werden: Zuerst seien Geschehen erwähnt, bei denen bereits durch ihre Bezeichnung ersichtlich wird, daß sie muskulärer Natur sind: Insertionstendopathie, Muskelhartspann, Myogelose, Muskelzerrung und Muskelverkürzung.
Folgende weitere Syndrome stehen ebenfalls in enger Korrelation mit bestimmten Muskelgruppen: M. iliopsoas-Syndrom, M. piriformis-Syndrom, M. biceps-Syndrom, M. trapezius-Syndrom, Rotatorenmanschetten-Syndrom, Scalenus-Syndrom, M. obliquus superior-Syndrom, Supraspinatus-Syndrom und Tietze-Syndrom.
Im Rahmen einer weiterreichenden Betrachtung seien Syndrome genannt, bei welchen mehrere Gelenke sowie die entsprechenden Muskelgruppen und alle Strukturen, die zu diesen Segmenten gehören, beteiligt sind: BWS-Syndrom, HWS-Syndrom, Cervicobrachialgie, Cervicoenzephalgie, Lumboischialgie, Funktionelle Gelenkblockaden, Torticollis und Tinnitus.
Auch bei Symptomen mit Reizungen bzw. Entzündungen in näher umschriebenen Regionen ist ein Bezug zu Muskelansätzen und deren Strukturen gegeben: Tendovaginitis, Vertebragene Intercostalneuritis, Coracoiditis, Epicondylitis, Neuritis ilioinguinalis, Periarthritis humeroscapularis und das Funktionelle Carpaltunnel-Syndrom.
Mechanische Schädigungen, die auf Funktionsfehlbelastungen zurückgehen, stellen eine weitere Indikation dar: Arthrose (z.B. Coxarthrose, Gonarthrose), Bandscheibenprotrusion, Bandscheibenprolaps, Chondropathia patellae, Halux valgus, Occlusionsstörungen (Kiefergelenk) und Skoliose.
Abschließend sollen Erkrankungen aufgeführt werden, bei welchen die Behandlung mittels Myoreflextherapie oft sehr gute Erfolge oder zumindest eine wesentliche Linderung der Symptomatik und eine entscheidende Entlastung des Patienten gewährleistet: Sudeck-Syndrom, Trigeminusneuralgie, Muskeldystrophie, Morbus Meniere, Morbus Parkinson, Morbus Scheuermann, Multiple Sklerose, Polyarthritis, Morbus Bechterew, Asthma, Spastik, Migräne, Funktionelle Arhythmie, Funktionelle Angina pectoris (Prinz Metall Angina), Funktionelle Hypertonie, Vertigo und Fibromyalgie-Syndrom.
Selbst die Folgen chronischer Fehlbelastungen wie Arthrosen und Bandscheibenvorfälle können im Frühstadium, ja selbst noch beim ausgeprägten, fortgeschrittenen Krankheitsbild mit sehr gutem Erfolg behandelt werden. Wenn die Belastungsverhältnisse in einem Gelenk (über eine Behandlung der das Gelenk betreffenden Muskulatur) korrigiert werden können, dann kann das Gelenk auch wieder richtig bewegt und wieder entsprechend ernährt werden - der hyaline Gelenkknorpel kann regenerieren.

Dr. med. Kurt Mosetter
Blarerstraße 32, D-78462 Konstanz,
Tel.: (0049)-(0)7531-915501, Fax.: (0049)-(0)7531-915
www.myoreflex.de info@mosetter.de

Dieser Artikel wurde mir mit freundlicher Genehmigung des Autors zur Veröffentlichung überlassen.

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