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Der Klang der Sinne

von Jürgen Boschart und Isabelle Tentrup
Entnommen aus GEO 11/2003, S. 55 ff.
Welchen Nutzen haben Menschen von der Musik? Macht sie klüger, trainiert sie das Gehirn, hilft sie Kindern beim Spracherwerb? Bislang wusste die Forschung nicht viel. Jetzt versucht sie, der Bedeutung und der Wirkung von Musik auf die Spur zu kommen.
Erst die Sinfonie der Nervenzellen, so sehen es Neurologen, macht aus Schwingungen Melodien, lässt uns in Harmonien schwelgen oder erschauern. Doch warum ist unser Gehirn überhaupt musikalisch? Welchen Nutzen haben Menschen von dieser mächtigen Gabe? Machen uns etwa die Klänge erst klug? Von Jürgen Boschart und Isabelle Tentrup (TEXT) und Stephan Elleringmann (FOTOS)
Inhalt:

Der Klang der Sinne........................................................................................................1
WAS NÜTZT DAS MUSIZIEREN?.....................................................................................2
MUSIK UND GEHIRN......................................................................................................2
SO WIRKT MUSIK..........................................................................................................4
INDIVIDUELLES ERLEBEN UND MASSENGESCHMACK..................................................5
MUSIK UND SPRACHERWERB.......................................................................................6
DER MENSCH - EIN HOMO MUSICUS.............................................................................7
KULTURELL ERLERNTE TONWELTEN............................................................................8
DIE HEILKRAFT DER MUSIK...........................................................................................9
DER KLANG DER NEURONEN.......................................................................................11

Der Feldzug im November 1876 beginnt entschlossen mit dem Einsatz der Bassinstrumente. Kontrabässe und Celli, kraftvoll, rollend. Sogleich Fagott und Bratschen - unisono. Der General setzt lange Bögen ein, lässt tief schneiden, wühlen in Gedärmen. Mittleres Lagenspiel in b-Moll. Dazu dumpf und langsam ein Rhythmus wie bei einer Leichenprozession. Bald darauf Trommeln, Krach. Laut. SEHR LAUT. Dann eine neue Attacke, jetzt in doppelter Stärke, die gesamte Streitmacht, sehr langsam, reduzierte Geschwindigkeit: Däa - tätätä - däaram-ta-täa - Pauken, Pauken, Pauken - rara - Sprung - räm-tamtäa-raram-täa. Trompeten brüllen, Tongemetzel. Unvermittelt in das Brüllen hinein plötzlich leichte Marschmusik, Dur gegen Moll, die Fronten schwanken . Wem gehört der Sieg? Wankend, Reprise des Trauermotivs, des Schlachtenlärms - doch am Ende strahlender Triumph in B-Dur, die Hymne des Zaren ertönt, setzt sich durch gegen das Klangchaos, vereinigt alle Stimmen in ein grandioses Finale, forte fortissimo. Russland hat gesiegt!
"Das patriotische Signal hatte gezündet', heißt es dazu lapidar im Begleittext einer Einspielung von Peter Iljitsch Tschaikowskys "Slawischem Marsch", uraufgeführt an jenem Novemberabend in einem Benefizkonzert zugunsten des Aufstands der Serben gegen die Herrschaft der Türken. Das Publikum raste, begriff das Stück als Fanal: Die Kaiserlich-Russische Musikgesellschaft, die Auftraggeberin für Tschaikowskys Werk, wollte damit die panslawistische Stimmung schüren, die wenige Monate später in dem offiziellen Kriegseintritt Russlands gipfelte, Nach einer entscheidenden Anstrengung vor der

Festung Plewna gelang der russischen Streitmacht im Dezember 1877 die Einnahme der umkämpften Stadt, im Jahr darauf der Sieg.
Ein Triumph, errungen mit der Musik? Gewiss nicht nur durch sie. Aber angefangen von der Sage des Orpheus über die Posaunen von Jericho bis zum Rattenfänger von Hameln ist die Kulturgeschichte voll von Erzählungen über die ungeheure Macht der göttlichen Muse. Ihr zu Diensten schnitzte schon vor 35.000 Jahren ein Homo musicus Flöten aus Tierknochen. Die alten Ägypter malten in ihre Grabkammern Bilder von Menschen mit Harfen, Trommeln und Trompeten. Heute geben viele Menschen "Musikhören" oder "Musizieren" als Lieblingsbeschäftigung an und bringen beträchtliche Opfer für den gelegentlichen Rausch: 2002 gaben allein die Deutschen rund zwei Milliarden Euro für Musikprodukte aus - etwa 223 700 000 Tonträger gingen dabei über den Ladentisch. Aber was ist das gegen den Aufwand beim Musizieren selbst! Tausende von Stunden investiert schon ein Hobby-Klavierspieler in das Oben nur der Musik zuliebe. Kein Redner, so sagen zumindest die Musiker, kann so begeistern, kein Denker so überzeugen, keine Empfindung so überwältigen wie ein wohlgesetzter Klang.
Und hier beginnen die Fragen. Denn worauf sich diese Macht gründet und wer sich ihr unter welchen Bedingungen unterwirft, war bislang ein weitgehend ungeklärtes, unverstandenes Phänomen. Anstelle von Antworten standen bisher Überzeugungen, Legenden und widersprüchliche Bekundungen über ihre Wirkung: Die Musik, so schreibt Martin Luther, vertreibe den Teufel fast so, gut wie die Theologie; - aber auch der Teufel spielt Geige.

Erschienen in: GEO 11/2003

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